HomeNewsProgrammFestivalTicketsStatusArchiv



 »» News »» Ausschreibung »» Presse 2001-2000 »» Artikel
- - - - - - - - - - - - -
Kontinent Kultur Wege nach Osten
Zwei Begegnungen
von Franziska Lüdtke

Jedes Jahr im Frühsommer ist Potsdam Schauplatz eines besonderen Ereignisses: des Unidram-Festivals.
Unidram ist ein osteuropäisch-deutsches Festival für Off-Theater, veranstaltet von der Potsdamer Theatergruppe DeGater'87 und der Universität Potsdam. Theaterfestivals - auch Off-Theaterfestivals - sind an sich nichts Außergewöhnliches, aber Unidram zeichnet sich durch sein besonderes Konzept und dessen hervorragende Umsetzung aus.
Die Veranstalter bieten freien Theaterensembles aus Ost- und Ostmitteleuropa einerseits sowie Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern andererseits das Forum, ihre oft sehr experimentellen, stilistisch eigenwilligen Produktionen vorzustellen. Das ist aber nicht alles. Zum Konzept gehört auch, dass die teilnehmenden Ensembles die gesamte Festivaldauer (1 Woche) vorort bleiben. Dadurch haben alle Teilnehmer die Möglichkeit, die Produktionen der Kollegen zu sehen. Publikum, Presse und Teilnehmer können sich an jedem Nachmittag in einer öffentlichen Diskussion mit den Ensembles und Veranstaltern kritisch über die Stücke des Vorabends auseinandersetzen. In der Festival-Bar und bei Parties ist Zeit und Gelegenheit, einander kennenzulernen, die öffentlichen Diskussionen individuell weiterzuführen oder einfach nur zu tanzen.
In Workshops, die von Festivalteilnehmern geleitet werden, können Interessierte die Arbeitsmethoden einzelner Ensembles am eigenen Leib ausprobieren.
Ein Team von Dolmetschern hält die Sprachbarrieren so niedrig wie möglich. Jedes ausländische Ensemble, jeder ausländische Gast wird von einem Dolmetscher oder einer Dolmetscherin betreut. Die Theaterstücke sind meistens nicht sehr textlastig, da die Veranstalter bewusst den Schwerpunkt auf Bilder- und Bewegungstheater legen. Wo Textkenntnis für das Verständnis eines Stückes unerlässlich ist, sind deutsch- oder englischsprachige Zusammenfassungen am Einlass erhältlich. Bei den Diskussionen gewöhnen sich alle Beteiligten schnell an, ihre Redebeiträge in kleine Häppchen von ein oder zwei Sätzen zu zerlegen, die dann gleichzeitig in vier oder fünf Sprachen weiterübersetzt werden.
Das Schöne an Unidram ist, dass das Konzept funktioniert - wenn man sich darauf einlässt und länger bleibt als die Dauer einer (womöglich der eigenen) Theatervorstellung. Für mich war es eine intensive und beglückende Woche voll von inspirierenden, seltsamen, manchmal bedrückend aktuellen, sehr selten "nur" mittelmäßigen Theatererlebnissen, mit spannenden Begegnungen und Diskussionen; eine Woche mit wenig Schlaf und viel Spaß.
Eine Ursache für die ungewöhnlich dichte, kommunikationsfördernde Atmosphäre des Unidram Festivals ist sicherlich die Tatsache, dass für DeGater'87 nicht irgendeine Form der Selbstprofilierung im Mittelpunkt steht, sondern die Leidenschaft für ungewöhnliches, experimentelles Theater. Diese Leidenschaft drückt sich in der Auswahl der Stücke aus und überträgt sich auf die vielen Mitarbeiter, die als Fahrer, Techniker, Dolmetscher, in der Künstlerbetreuung, beim Catering, hinter der Theke und an der Kasse den (zumindest nach außen) reibungslosen Ablauf des Festivals ermöglichen, indem sie eine Woche lang wirklich alles geben und nicht selten 16- bis 20-Stunden-Tage einlegen. Was Teilnehmern, Gästen und Publikum von allen Seiten entgegenstrahlt, ist keine antrainierte, unverbindliche Service-Freundlichkeit, sondern echte, warme Gastfreundschaft, wie ich sie hierzulande selten erlebt habe.
Natürlich reicht eine anregende, gastfreundliche Atmosphäre allein nicht aus, um die Basis für Diskussionen und Kontakte zwischen Menschen aus verschiedenen Ländern zu schaffen. Ohne sein sowohl inhaltlich als auch handwerklich anspruchsvolles und facettenreiches Programm wäre Unidram nicht, was es ist.
In diesem Jahr zeigten 15 Ensembles aus 10 Ländern ihre Produktionen im Rahmen des Festivals. Vertreten waren Rumänien, Deutschland, Großbritannien, die Schweiz, Polen, Russland, Litauen, Tschechien, USA/ Bosnien und Ungarn. Stilistisch reichte die Palette von experimentellem Sprechtheater über verschiedene Varianten des Bewegungs- und Tanztheaters, Figurentheater und Live-Art Performance bis zum theatralen Konzert.
Inhaltlich war von Auseinandersetzungen mit dem Holocaust (DeGater'87 mit Jizschak Katzenelnsons Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk und Figurentheater Tübingen/Teatron Theater mit Kinder der Bestie), mit aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen (Forced Entertainment mit Showtime, Akademia Ruchu mit Mauritius and Other Proposals und Clinic.Exit, Stateless mit The Filament Cycle, Teatr Porywacze Cia/Teatr Usta Usta mit Künstlicher Atem), mit Kunstformen vergangener Epochen wie Dadaismus oder Commedia dell'arte (Teatrul Nottaria/ Compania Teatrala 777 mit DaDaDans, Roman Markholia Virtual Theatre mit Columbines Brautschleier) bis zu Produktionen, die die Ästhetik des Klangs oder der Bewegung in den Mittelpunkt stellten (Stimmhorn mit Schnee, Compania Barbora Látalová mit There in the Far Valley), von bedrückender Schwere bis zur Belanglosigkeit alles abgedeckt.

Kurz und gut - das Unidram Festival sei allen, die Kontakt mit der europäischen freien Theater-Szene suchen, die sich für die experimentelles Theater in all seinen Formen interessieren und Lust an Begegnung, Auseinandersetzung und vielleicht langfristig auch Kooperation mit Künstlern aus verschiedenen (ost-) europäischen Ländern haben, aufs Wärmste empfohlen.
- - - - - - - - - - - - -


- - - - - - - - - - - - -
"Informationsdienst Soziokultur"
Nr. 45 - 3/2001
- - - - - - - - - - - - -