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Ikonen im Kasperletheater
Beim Barte des Absurden: die Petersburger Theatergruppe Axe in Potsdam und Berlin

Von Carola DürrWenn das Absurde irgendwo zu Hause ist, dann sicherlich in Russland: "Mit dem Verstand ist Russland nicht zu erfassen", sagen die Russen sogar selbst. Aber vielleicht mit dem Theater: Die Gruppe Axe (sprich: Ache) von Maxim Issajew und Pawel Semtschenko aus St. Petersburg macht ihren Zuschauern ein einschlägiges Angebot. Mit ihrem Programm, "Puch & Prach" gastieren sie ab Mittwoch in den Berliner Sophiensälen.

Einen ersten Blick auf die Ästhetik der Truppe gewährte die Produktion "Die weiße Kabine", die kürzlich in Potsdam-Babelsberg zu sehen war. Eine Vorschau auf das osteuropäisch-deutsche Off-Theaterfestival Unidram, das im Juni zum achten Mal stattfinden wird.

Gemeinsam mit der Schauspielerin Jana Tumina entführten im Babelsberger Waldschloss die beiden Maler Issajew und Semtschenko das Publikum in eine bizarre, humorvoll-traurige Bilderwelt der Einsamkeit, der Verlorenheit, des schweigenden Geschlechterkampfes.

Ohne eine konkrete Geschichte zu erzählen, nehmen sie in fantasievollen Einzelszenen die kleineren und größeren menschlichen Unzulänglichkeiten auf die Schippe und verlieren sich mit unbewegter Miene ganz im Spiel mit sich selbst - eine Außenwelt scheint nicht zu existieren. Mit stoischer Ruhe wird da in einem großen, vergilbten Buch wie in der Erinnerung geblättert, eine Frau mit Nägeln und Seilen auf einem Stuhl fixiert oder besinnungslos gegen zuvor minutiös quer über die Bühne gespannte Gummischnüre angerannt; mit skurrilen Methoden werden Weinflaschen geöffnet und die abwegigsten Haltungen und Gefäße zum Trinken ausprobiert. Wasser rinnt aus Plastiktütchen und ergießt sich über Kleid und Körper; Fahnen und Pappgesichter werden an langen Stöcken zwischen Bilderrahmen hindurchgetragen. Zwei schlaffe Gestalten bearbeiten sich in müdem Boxkampf; aus dem Dunkel taucht die Rückenansicht eines weiblichen Aktes auf; leuchtende Münder tanzen im Dunkeln und singen.

Es sind alltägliche Handlungen und Gegenstände, die hier verfremdet und in eine visuelle Poesie umgesetzt werden, deren Ästhetik sich zwischen russischen Ikonen und Kasperletheater, zwischen Stummfilm und avantgardistischer Malerei, zwischen Schattentheater und Objektkunst bewegt. Dabei ist alles immer ein wenig schräg, die Illusion nie perfekt - bewusste Brüche, die die Wirkungskraft der Bilder nur verstärken.

Was bei Axe über die Rampe kommt, enthält eine gehörige Portion Selbstironie: Sich das Leben schwer zu machen und permanent gegen selbst errichtete Hindernisse anzurennen scheint Teil des russischen Wesens zu sein, das die Männer mit ihren Vollbärten und die Frau mit dem Madonnengesicht fast klischeehaft verkörpern. Aus dem Zuschauerraum dringt ständig leises Kichern und Lachen. Der feinsinnige Humor steckt an und entlässt das Publikum nach gut einer Stunde in heiter-melancholischer Stimmung, versöhnt mit den Unbilden des Lebens.

Unidram präsentierte diese Gruppe mit Stolz, und das zu Recht: Sie gehört zu den schönsten Entdeckungen einer jahrelangen Recherche in der freien Szene Osteuropas. Dass es diese überhaupt gibt, grenzt an ein Wunder, denn eine finanzielle Förderung gibt es dort gar nicht oder nur selten. So bieten selbst für Axe die Festivals nicht nur die Möglichkeit aufzutreten, sondern überhaupt zu proben.
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"Die Welt", 27.03.2001
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