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Gefahren im Straßenverkehr
Schwerstarbeit an der Theaterform: In Potsdam endete das diesjährige Unidram
von Susan Geißler

Als das 9. Osteuropäisch-Deutsche Festival für Off-Theater, Unidram, am Sonnabend in Potsdam zu Ende ging und ich noch immer schwer damit beschäftigt war, die Differenz zwischen Off- und, tja, On-Theater auf einen Begriff zu bringen, behauptete irgendwer mit Bier, Off-Theater sei das, wo man ohne Erwartung hingehen und sich auch auf dem Boden ausstrecken kann, weil es egal wäre. Um die 18mal Tanztheater, Multimediaperformances, Bewegungs- und Figurentheater, Audioinstallationen und Musikexperimente der letzten Woche unter einen Hut zu zwängen, kann eine Zuschauerraumthese vielleicht nicht falsch sein.

Antworten auf die großen Fragen der Menschheit (Wohin führt die Globalisierung? Was ist schon alles vergiftet? Wer gewinnt die Fußball-WM?) gab es zum Glück nicht, und genau diese Vermeidung macht das Festival, das von der Potsdamer Theatergruppe DeGater `87 und der Potsdamer Universität veranstaltet wird, interessant. Unidram ist Schwerstarbeit an der Theaterform unter menschenfreundlichen Bedingungen (kostenloses Eröffnungsbüffet, Piroggenparty, nachts slawophile Auflegewitschs). Kleinster gemeinsamer Nenner der Inszenierungen aus neun Ländern war in diesem Jahr der Körper als Medium, als Spiegel der Verhältnisse - seien es Geschlechter- oder Produktionsverhältnisse.

Im städtischen Hans-Otto-Theater, wo Unidram traditionell eine Inszenierung zeigt, war mit der Tanzshow »Tricks & Tracks« der Budapester Compagnie Pal Frenak eine kompromißlose Ausstellung menschlicher Beziehungsformen zu erleben. In einem schneeweiß ausgeschlagenen Bühnenraum, unter dem Dröhnen eines technoiden Herzschlags, arbeiteten sich drei Paare bis zur totalen Erschöpfung an ihren Identitäten und Begierden ab. Ein Mann und eine Frau, die sich in ihrer gierigen Gewalttätigkeit und ihrer offensiven Nacktheit spiegelten und verdoppelten, produzierten die immer zweifelhafte Symbiose aus Macht und Ästhetik. Eine Inkarnation der Idee Frau mit Highheels, Löwenmähne und rotem Negligé fickte unterdessen brutal und selbstvergessen die Bühnenwand - ihr tragikomischer Gegenspieler in Schottenrock und Knieschützern ließ sich regelmäßig von seinen eigenen Ansprüchen demütigen. Eine andere Frau zeigte ihre faltige Brust her, um noch einmal von irgendwem zu irgend etwas gemacht zu werden, gerät aber an den schüchternen, zugeknöpften Pierrot, für den sie höchstens Mutter sein darf. Besonders experimentell ist »Tricks & Tracks« nicht, aber der brachiale Lärm des Stückes und die bis ins Detail sexualisierten Bilder reflektieren ziemlich genau die Kämpfe, die bei »Oliver Geissen«, in Assessmentcentern und Einkaufszentren geführt werden.

Die Interpretation von Welt, die bei Pal Frenak professionell und erfolgsorientiert für das Publikum produziert war, machte der Kroate Damir Bartol Indos radikal mit sich allein aus. Für sein Stück »Rough Ride or Of the Spirit«, das von den mörderischen Gefahren des Straßenverkehrs handelte, hatte er im winzigen Saal des Potsdamer Waldschlosses eine obskure Schrottinstallation aufgebaut. Bis zur völligen Erschöpfung brüllte er Radfahrergedichte in einen Zinkeimer, erzeugte einen höllischen Blechlärm und klemmte benzingetränkte Lappen in zwei nebeneinanderstehende Ventilatoren, daß es aussah und stank wie ein brennender Unfallwagen mit Aufblendlicht. Neben der absolut überzeugenden Atmosphäre der Bedrohung, die hier kreiert wurde, waren die autistischen Tendenzen dieser Eigentheraphieshow besonders schön an der etwa zwölfjährigen, schrecklich gelangweilten Tochter des Künstlers abzulesen, die rechts auf der Bühne stand und ihren schwer kämpfenden Vater musikalisch begleiten mußte.

Wer sich nichts zumuten, sondern sich lieber erwartungsgerecht gruseln lassen wollte, konnte sich eine neue Version der absurden Krüppelshows ansehen, mit der »BlackSKYwhite« aus Moskau zum dritten Mal bei Unidram vorstellig wurde. In einem Industrial-Rammstein-Bühnenbild wurden in guten Momenten beckettsche Schauerkomödien erzählt, von Körpern, die sich nicht im Griff haben, in weniger guten wurden akrobatische Kunststücke vorgeführt.

Daß Unidram immer mehr von einem Werkstatt- zu einem semiprofessionellen Gastspielfestival wird, ist nicht zu übersehen: Diskussionsveranstaltungen werden seltener, die eingeladenen Künstler bleiben nicht unbedingt bis zum Schluß. Aber so lange in einer sogenannten Kulturstadt No-Budget-Kultur mit preußischer Zackigkeit bekämpft wird und sie wegen irgendwelcher schützenswerter »Befindlichkeiten« und »Seriositäten« eines vorgesehenen Spielortes (der Bahnhofspassagen) verwiesen wird, weiß man noch, was man bei Unidram sucht.
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"junge Welt", 11.06.2002
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