|
- - - - - - - - - - - - -
Piroggenparty zum Zehnten
Das andere Theatertreffen: "Unidram 2003"
von Axel Schalk
Ist der bärtige Rockpoet Allen Ginsberg wieder auferstanden? Er verheddert sich offenbar im verzerrten Bilderpanoptikum von Axe aus St. Petersburg.
In dem Remake Die weiße Kabine, das schon 1997, wenngleich anders, zu sehen war, blicken wir in eine uns völlig fremde, unterhaltsam-verrätselte Assoziationswelt.
Hier herrscht die Aura der kleinen Verhängnisse, in die gestolpert wird.
Eine nostalgische Traditionsveranstaltung ist es nicht. Unidram wird zehn Jahre jung und dürfte nichts an emanzipatorisch-verstörender Theaterkraft verloren haben. Fantasieräume erschließen, intellektuelle Muster hinterfragen und den üblichen Blick in das vertschechowte, nur psychologische Theater verstören - diese Essentiells haben die Aktivisten Franka Schwuchow, Jens-Uwe Sprengel und Thomas Pösl erfolgreich durchgehalten. Und der Publikumszuspruch ist von Jahr zu Jahr gewachsen.
Theater erhält den Charakter von Party, Diskurs und Begegnung, wenn in den kontroversen Diskussionsrunden auch der Zuschauer zum aktiven Artikulationsrecht geladen wird. Dieses Festival lebt stärker als andere von seiner speziellen, ungewöhnlichen Atmosphäre, die den Besucher förmlich mitreißt. Theater findet nicht auf Distanz statt, sondern in einer unelitären Nähe. Insofern hat sich die Veranstaltung als richtungsweisender Festival-Prototyp etabliert.
Zu erleben ist, dass Theater keineswegs nur mit Sprechen und Rollenspiel zu tun hat. Gerade der nonverbale Charakter macht die vielschichtigen Bilder so spannend.
Alte Bekannte wie die polnische Bewegungstheatergruppe Teatr Cinema sollen in der Potsdamer Zukunftswerkstatt programmatisch die experimentelle, über die Jahre gewachsene Konzeption versinnlichen. In der Produktion Tak.To.Tu finden in surrealen Pantomimen gleich zwei Stücke in einem beweglichen Bühnenbild statt, die unsere Ängste visualisieren. In immer groteskeren Sitzgruppen wird man einfach nicht heimisch. Gespannt sein darf der Besucher auf die italienische Gruppe Compagnia Abbondanza/Bertoni, ein Körpertheater, das eine Euripides-Produktion hinter weißem Gaze anbietet und uns in die Filmwelt eines Kusturica versetzt. Mit Derevo aus Dresden/St. Petersburg eröffnet eine der wichtigsten, für die Avantgarde stilbildenden osteuropäischen Gruppen das Festival.
Gut zu wissen, dass das Unidram, das schon so manche freie Gruppe für unsere Region entdeckt hat, sich noch stärker internationalisiert und seine lebendige Unkonventionalität weiter behauptet. Und auch die berühmtbeliebte Piroggen-Party wird wieder steigen.
- - - - - - - - - - - - -
|
|
|
- - - - - - - - - - - - -
"zitty", 13/2003
- - - - - - - - - - - - -
|