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Eingängige Bilder
Unidram zeigt, wie grundsätzlich und einfach Theater sein kann
von Axel Schalck

Wie in einem Warteraum leuchtet die "246" elektronisch über der Bühne. So heißt auch das Schauspiel der russischen Zwei-Personengruppe "Osobnjak" aus St. Petersburg. Kein Wort wird gesprochen, kein Blick ausgetauscht. Frau und Mann agieren eine gute Stunde aneinander vorbei, sie bleiben sich fremd. Er raucht, sie isst - am Ende finden sie doch mit Wein und Lachen zusammen. Oben leuchten jetzt drei rote Nullen; der Kreislauf beginnt von vorne.

Unidram ist sich treu geblieben und zeigt auch im zehnten Jahr, wie stark und vieldeutig die Strahlkraft des nonverbalen Theaters ist. Die Realität des Alltags wird aufgebrochen, verrätselt, der Blick auf die Bühnenlandschaften funktioniert wie mit einem Nacht-sichtgerät. Auffällig ist aber in manchen Aufführungen, wie auch beim polnischen "Teatr Cinema", dass eine sehr private, wenn nicht gar vollkommen selbstbezügliche Welt aufgebaut wird und die grundsätzlichen gesellschaftlichen Fragen leiser gestellt werden. Offenbar ist der Osten im neurotisch egozentrischen Westen angekommen.

Auch in der italienischen Produktion "Alcesti" nach Euripides zeigt sich eine sehr intime Situation. Die Bilder des Paares, das in den Liebesopfertod geht, erzählen den Lauf einer Beziehung: verliebt, verlobt, verheiratet, geschieden, gestorben. Allerdings - und hier zeigt sich ein zweiter Zug des Festivals - transzendieren die Figuren in ein ästhetisch schönes Jenseits.

Die diesjährigen Aufführungen agieren mit weniger provozierender Härte, sie folgen kaum noch einer Ästhetik des Schocks. Aber auch wenn man verhaltener operiert, die Wirkungen sitzen. Im großartig visionären Puppenspiel "Faust" des georgischen "Basement Theater" entrücken die Figuren in eine märchenhafte Walpurgisnacht. Szenische Miniaturen treffen in der ungewöhnlichen Spannbreite von unidram zehn auf bombastisches großes Welttheater. Das in sich abgerundete Programm verbindet unterhaltsam Komisches in guter alter Festivaltradition mit dadaistisch surrealen Darbietungen.

Aus Dantes höllischem Schattenreich des Infernos der "Divina Commedia" ("Derevo") reist das unidram-Raumschiff nach Stalingrad. Blut fließt über die Puppenbühne. Im Minimaltheater "Die Geschichte eines wahren Menschen" aus Prag landet ein beinloser russischer Kampfflieger auf dem Mond. Dann kommen die Amis und stellen fest, da liegt schon einer. Ärgerlich. Ein Held der Sowjet Union wird in diesen Szenen aus dem Großen Vaterländischen Krieg höchst grotesk gefeiert.

Gerade die kleinen Aufführung zeigen einmal wieder, wie grundsätzlich und einfach Theater sein kann. Die eingängigen Bilder sind für jedermann verständlich. Geschickt und immer wieder überraschend verbinden die Veranstalter die verschiedenen Linien. Nicht nur das Spiel, sondern auch die Bilder und vor allen Dingen die Musik der Stücke schaffen eine Theatertotalität.

Die "Szena Plastyczna" aus Polen ist mit ihrer Produktion "Torweg" zweifellos einer der Höhepunkte. In dieser unheimlichen Welt des Albtraums lässt sich alles erleben, was unidram in den letzten zehn Jahren entdeckt hat. Eines ist allen Produktionen gemein: Ein plakativer Realismus ist im Theater nicht mehr zu machen. Andeutungen, Ver-Fremdungen, experimentelle Bilderfolgen erschließen Assoziationsräume, dem Alltag, der Geschichte fern, aber doch jedem bekannt.

Unidram zeigt, dass und wie eine Gesellschaft das Subjekt zerstört, wie diese atomisiert wird. Am Schluss begeistern "Axe" das dicht gedrängte Publikum. Theater wird zum Traum. Hier in der "Weißen Kabine" trifft Genie auf Wahnsinn. Die Fantasie siegt bei unidram.
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"MAZ", 30.06.2003
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