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Gegen den Trend
Das 11. Unidram - Festival in Potsdam präsentierte sich am neuen Spielort und in konzentrierter Form.
von Jörg Giese

Ein Mann mit einer Hundemaske reibt Steine aneinander. Zeit vergeht, langsam und unwiederbringlich. Die sonderbare Gestalt ist Anubis, der Toten- und Friedhofsgott aus der ägyptischen Mythologie. Ein Wissenschaftler stellt sich hinter den Maskierten und beginnt, dessen Schädel aufzubohren. Gelassen assistiert ihm Anubis, reicht Operationsbesteck und den kleinen Spiegel, mit dem der Forscher die Erinnerungen des Gottes ans Licht zu holen versucht. Bereits in diesem ersten Bild prallen die beiden gegensätzlichen Geschichtskonzepte aufeinander, von denen die Inszenierung ”Osiris Coverage” der ungarischen Performancegruppe Artus bestimmt, wird : Mythos und Archäologie. Anhand der Geschichte von Osiris demonstriert Artus den vergeblichen Versuch, Mythen mittels exakter Analyse letztgültig zu entschlüsseln. Forscher in Kostümen des 19. Jahrhunderts, dem Jahrhundert der Ausgrabungen, durchwühlen Sandkästen auf der Suche nach den Knochen von Osiris. So wie dessen Schwester Isis, die laut Mythos die verstreuten Leichenteile Osiris’ einsammelte, nachdem er von seinem Bruder Seth ermordet worden war, und ihn wieder zum Leben erweckte. Aber die Arbeit der Archäologen bleibt vergeblich. Am Ende öffnet der Wissenschaftler noch einmal den Kopf von Anubis und holt eine Filmrolle hervor. Auch die Ergebnisse der Forscher bleiben Projektionen. Nur selten fand Artus so starke Bilder, weil die Gruppe sich nicht entscheiden konnte, ob sie sich dem Mythos rein assoziativ oder nacherzählend nähern wollte. Dennoch war diese nur halb gelungene Produktion ein passender Auftakt für die 11. Ausgabe von Unidram in Potsdam. Denn dieses Festival hat sich über die Jahre als Ausgrabungsstätte für ungewöhnliche Theaterformen mit dem Schwerpunkt Osteuropa etabliert. Was heute schon wieder im Trend liegt, war bei der Entstehung des Festivals eine Entscheidung gegen die Zeichen der Zeit. Nach der Wende war eine osteuropäische Herkunft nicht gerade Gewinn bringend. Unidram stemmte sich ganz bewusst und sehr erfolgreich gegen den Trend zur Westerweiterung. Dabei ging es nie um Abgrenzung, sondern um Begegnung. Auch dieses Jahr stammten drei der elf Gastspiele aus Westeuropa bzw. Australien. Unidram ist eines der wenigen internationalen Ausschreibungsfestivals. Die Organisatoren suchen zwar auch aktiv nach interessanten Gastspielen. Daneben wühlen sich Franka Schwuchow, Jens-Uwe Sprengel, Thomas Pösl und Ralph Würfel aber durch einen Berg von Videokassetten. Nicht immer gibt die Qualität der Videos Aufschluss darüber, wie sehenswert eine Produktion tatsächlich ist. Von ”Eternal Song”, dem Figurentheater der Kunstakademie Minsk, hatte man nur unscharfe Schwarzweißaufnahmen und riskierte die Einladung dennoch. Der Mut der Organisatoren führte in der Vergangenheit zwar auch mal zu Missgriffen. Aber die nimmt man gerne in Kauf, wenn gleichzeitig Entdeckungen zu machen sind wie ”Eternal Song”. Vier Spieler erzählen mit handgeführten gesichtslosen Puppen ein Menschenleben von der Geburt bis zum Tod als Gleichnis für die tragische Biografie einer ganzen Nation. Obwohl kaum ein Zuschauer den Soundtrack aus Rundfunkausschnitten, Liedern und Lukashenko-Reden verstand, erschloss sich ”Eternal Song” dank der elementaren Spielsituationen als eindringliche Studie weißrussischer Befindlichkeiten. Neben der Herkunft der Produktionen gibt es ein zweites, inhaltliches Kriterium, das die Auswahl steuert. Favorisiert werden junge Theatermacher, die eher visuell arbeiten und Genregrenzen überschreiten. Diese Orientierung wird aber eher pragmatisch gehandhabt. Dieses Mal konnte man sogar die Inszenierung eines Dramas finden. Pamela Dürr hat für ihre lnszenierung von lonescos ”Macbett” eine stark stilisierte Form gefunden, die allen Figuren ein streng abgemessenes Vokabular an Gesten zuordnet. So leidet die Königin unter einem permanenten Winkzwang, während sich Banco wie ein Karatekämpfer durch alle Szenen bewegt. Dank der Präzision des Ensembles und der raffinierten Kombination des Bewegungsrepertoires wirkt jede Stilisierung verblüffend selbstverständlich und natürlich. Die elf geladenen Produktionen stammten zu je einem Drittel aus den Bereichen Tanz, Figurentheater und Schauspiel/Performance. Inhaltlich ging es entweder um eher introvertierte, private Mythologien oder das offensive, exzessive Spiel mit Sex und Gewalt. Politische Themen im engeren Sinne spielten nur in ”Eternal Song” eine Rolle. Die verstörendste Inszenierung zeigte zum Abschluss die ungarische Compagnie Pal Frenak mit ”KaOsZ”. Zwölf gut gebaute Darsteller, die aussehen wie einem Benetton-Prospekt entsprungen, rangen in einem Boxring mit ihrer Libido. Das tänzerische Vokabular ist überschaubar, In Solo- oder Duoszenen zucken die Körper der Tänzer hin und her geworfen zwischen Lust und Schmerz. Die penetrante Zurschaustellung der eigenen Triebhaftigkeit stößt ab und fasziniert aber gleichzeitig. Der Theaterwissenschaftler Jens Roselt hat in einem Essay geschrieben, dass das Subjekt in der Pose zu einer Oberfläche erstarrt, ”die nichts verbergen will, sondern Eindruck und Ausdruck zu einem einzigen Effekt verschmelzen lässt, den der Posierende auskostet”. So betrachtet spiegelt diese unterkühlte Inszenierung gerade mit ihrem konsequenten Posing das um sich greifende Körpertuning gelungen wider. Lust wird nicht mehr am eigenen Leib erfahren, sondern nur noch durch den anerkennenden Blick des Gegenübers. Die u. Ausgabe war für Unidram zugleich ein Neuanfang. Mit dem Umzug ins T-Werk stehen nun endlich zwei maßgeschneiderte Spielstätten zur Verfügung. Sorge bereitet den Organisatoren aber die künftige Finanzierung des Festivals. Durch den überraschenden Ausfall der großzügigen Unterstützung durch den Hauptstadtkulturfonds und die Stiftung Kulturfonds hat Unidram Schlagseite bekommen. Die Straffung des Spielplans auf ein überschaubares Maß hat dem Festival zwar gut getan, aber selbst die abgespeckte Version war noch unterfinanziert. Im nächsten Jahr wandert Unidram aus dem Sommer in den Herbst. Gleichzeitig wird das Festival gestreckt, um durch den Verzicht auf Doppel- und Parallelvorstellungen Personalkosten zu sparen. Trotzdem wird dieser Posten ansteigen, weil das T-Werk, neben dem Theaterverein DeGater und der Universität Potsdam Träger des Festival, keine Stellen aus seinem Etat mehr für Unidram finanzieren kann. Damit wird die finanzielle Lage existenzgefährdend. Sollten sich die bisherigen Förderer im nächsten Jahr nicht entschließen, die eingestellte Unterstützung wieder aufzunehmen, ist ausgerechnet Unidram ein Jahr nach der viel besungenen Osterweiterung ernsthaft in Frage gestellt.
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„Theater der Zeit“, 09/2004
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