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Jenseits des Gewohnten
Die zwölfte Auflage von Unidram zeigt in Potsdam an zehn Tagen, wie Theater auch sein kann
von Dirk Pilz

Elf Jahre war Unidram das „osteuropäisch-deutsche Festival für Off-Theater“ und fand stets im Frühsommer statt. Jetzt ist es ein "Festival für junges Theater in Europa" und geht für zehn Tage über die Bühnen in der Potsdamer Schiffbauergasse. Junges Theater? Unerprobte Regie- und Spielweisen, mutige Blicke auf Altbekanntes, neue Perspektiven für andere Lebens-, Kunst- und Darstellungsformen - das ist es, was Unidram zu einem der renommiertesten Festivals der Freien Szene im deutschsprachigen Raum gemacht hat. Hier ist internationales Theater zu erleben, das sich den kanonisierten Mustern an Bühnensprachen und Ästhetiken zu entziehen versucht. Und genau das will die neue Festivalbezeichnung unterstreichen: Unidram, ein Theatertreffen, das bemerkenswert unterschiedliche, aber ästhetisch vielversprechende Bühnensprachen präsentiert. Obwohl: Mit dem tschechischen Extrem-Tanztheater Novogo Fronta (27.10.) und der polnischen Bildertheater-Truppe Scena Plastyczna KUL (25. und 26. 10.), die den Zuschauer wie stets einer hypnotischen Dunkelheit aussetzen, kommen dieses Jahr zwei hochklassige Compagnies mit neuen Inszenierungen, die bei Unidram schon des öfteren erfolgreich gastierten. Doch das gehört zum Konzept, weil es den Festivalmachern nicht nur um die Sensationslust am Neuen geht, sondern um den Austausch zwischen Künstlern und Publikum und die Etablierung fester Beziehungen zu künstlerisch ausgewiesenen Gruppen.

So kommt es auch, dass mit der Schweizer Gruppe Numero 23 Prod. um Regisseur Massimo Furlan eine der Überraschungen des letzten Jahres jetzt wieder nach Potsdam geladen ist, diesmal mit „(love story) Superman“ (22.10.), einer ironisch-heiteren Demontage von Männlichkeitsbildern anhand des Comic-Helden. Das ist Bildertheater im besten Sinne des Wortes. Die „Maria Stuart. Ein tödliches Casting“ der TART Produktion aus Stuttgart (24. 10.) ist dagegen eine böse Textcollage, in der Schillers Großdrama auf Zitate von Elfriede Jelinek, Margret Thatcher oder Osama Bin Laden trifft. Höchst pointenreich wird hier ein alter Stoff mit Gegenwartspolitik gegengelesen. Ganz anders als das Weshalb Florellen Quartett aus Zürich (28.10.) mit seinem Theaterabend für Streichquartett, Hammond-Orgel und Schauspieler, an dem fünf Musiker und ein Erzähler mit dem "Fliegenden Holländer" von Richard Wagner kämpfen und sich in lauter Skurrilitäten verheddern.

Die Vielfalt an nonverbalen Bühnensprachen, Figuren- und Tanztheater, die es mit den Gruppen aus Weißrussland, Italien, Ungarn, der Schweiz, Polen, Tschechien und Deutschland zu entdecken gibt, verspricht junges, weil für deutsche (Stadt)Theateraugen ungewohntes und verblüffendes Theater. Nach elf Ausgaben von Unidram darf man jedenfalls auch für die zwölfte Überraschendes erwarten. Bei einem Festival im übrigen, das für seine einnehmende Atmosphäre berühmt ist und heute mit der deutschen Erstaufführung von "Frauen in Zeiten des Krieges", einem Schauspiel nach Euripides "Troerinnen" von der Compagnia Vicolo Corto aus Ancona eröffnet wird.
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„MAZ“, 20.10.2005
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