HomeNewsProgrammFestivalTicketsStatusArchiv



 »» News »» Ausschreibung »» Presse 2005 »» Artikel
- - - - - - - - - - - - -
Wir sind die Jungen
Freischwimmer und Unidram: zwei unterschiedliche Festivals präsentieren junges Theater        
von Dirk Pilz

Noch vor wenigen Jahren, als alles nach Jugend! Jugend! Jugend! schrie, war es, als sei ein Leben jenseits der 40 die Hölle, oder wenigstens der direkte Weg dorthin. Jung sein war Pflicht, Jugend das Gebot der Stunde. Und weil das Theater stets von bösen Selbstzweifeln angefressen ist , hängt es gern den neuesten Moden am Rockzipfel und hat also landauf, landab das junge-frische-freche Theater in den Himmel gehoben, auch wenn im Grunde keiner zu sagen wusste, was das eigentlich ist - junges Theater?
Inzwischen dämmert es der Szene, dass weder Jugend Frische garantiert noch Alter vor Dummheit schützt. Und so kann aus der ideologisch aufgedonnerten Anbetung der späten Geburt wieder werden, was das Theater von den Jungen schon immer erhofft und befürchtet hat: unerprobte Regie- und Spielweisen, mutige Blicke auf Alt-bekanntes, neue Perspektiven für andere Lebens-, Kunst- und Darstellungsformen.
Und doch ist einfach so auch vom jungen Theater nichts zu holen; es braucht halbwegs sichere Gestaltungsrahmen und öffentliche Diskussionspodien. Vor diesem Hintergrund gewinnen zwei unterschiedliche Festivals an Relevanz, die unglücklicherweise parallel veranstaltet werden: in Potsdam das renommierte Unidram, an den Sophiensaelen die dritte Ausgabe der Freischwimmer.
 
Unidram war elf Jahre ein „osteuropäisch-deutsches Festival für Off-Theater" und fand stets im Frühsommer statt; jetzt ist es ein „Festival für junges Theater in Europa". Jung will es vor allem sein, indem Unidram dem breiteren Publikum noch unbekanntes, aber ästhetisch vielversprechendes Theater präsentiert. Obwohl: Mit dem tschechischen Tanztheater Novogo Fronta und der polnischen Truppe Scena Plastyczna KUL kommen dieses Jahr zwei hochklassige Compagnien, die bei Unidram schon des öfteren erfolgreich gastierten. Doch das gehört zum Konzept, weil es den Festivalmachern nicht nur um die Sensationslust am Neuen geht, sondern um den Austausch zwischen Künstlern und Publikum und die Etablierung fester Beziehungen zu künstlerisch ausgewiesenen Gruppen. Auf diese Weise hat Unidram bereits Einigen den Weg in die deutsche Theateröffentlichkeit gebahnt; und nicht selten ist manches, was etwa am HAU als Entdeckung angepriesen wird, in Potsdam längst zu sehen gewesen. So kommt es auch, dass mit der Schweizer Gruppe Numero 23 Prod. um Massimo Furlan eine der Überraschungen des letzten Jahres jetzt wieder zu Unidram geladen ist, diesmal mit (love story) Superman, einer ironisch-heiteren Demontage von Männlichkeitsbildern anhand des Comic-Helden. Das ist Bildertheater im besten Sinne des Wortes - und nur ein Ausschnitt aus der breiten Vielfalt an vornehmlich nonverbalen Bühnensprachen und Theaterästhetiken, die es mit den Gruppen aus Weißrussland, Italien, Ungarn, der Schweiz, Polen, Tschechien und Deutschland zu sehen gibt.
 
Freischwimmer ist dagegen weniger Festival und mehr Plattform für den Theaternachwuchs. Vor drei Jahren hieß das inzwischen begehrte Präsentationspodium noch Außer Atem; abgesehen von der Namensänderung ist die Grund-strukturabergeblieben: Es gibt ein verbindliches Bühnenbild für sechs Produktionen, die in vier Städten gezeigt werden. Und es gibt für alle sechs Teams die gleiche schmale Finanzierung, mit der ein einstündiger Abend inszeniert werden soll. Die relative strengen Vorgaben haben sich in den letzten beiden Jahren nicht nur als hilfreich erwiesen; teils schlugen sie auf hinderliche Weise in die Inszenierungen durch. Mitunter entstanden aber kleine Theaterperlen, gewachsen unter den erschwerten und in diesem Sinne auch realen Arbeitsbedingungen: Die Jungen sollen Tuchfühlung mit der harten Bühnenwirklichkeit aufnehmen dürfen.
Nachwuchs ist ein weiter Begriff. Es sind eben wie alle bei diesem gezielten Förderprogramm Freischwimmer, keine Nichtschwimmer: junge Theatermacher, die erste Erfahrungen gesammelt haben, den rauen Wind des freien Theaterlebens bislang allerdings nur dosiert zu spüren bekamen. Sie müssen (und wollen) sich freischwimmen, hin zu eigenständigen Handschriften, mit allen Risiken, die solche Freiheit birgt. So erarbeitet der Theatertänzer Martin Clausen den Abend Kann man können wollen. Obwohl Clausen als Regisseur noch sehr jung ist, hat er reichlich Inszenierungserfahrung - sowohl als Mitglied in Dirk Cieslaks Gruppe Lubricat als auch bei TWO FISH, wo sich die Darsteller als Co-Autoren der jeweiligen Abende begreifen. Auch Simone Eisenring und Milo Rau, das Team C, ist dem aufmerksamen Freie-Szene-Theatergänger in Berlin bereits begegnet. Und wenn sie ihren Beitrag Bei Anruf AVANTGARDE! nennen, dann ist auch das ein Akt des Freischwimmens: Sich der Tradition zu stellen, sie zu befragen, ihre Wirkungen auszuforschen, das ist Aufgabe derer, die nachwachsen für die Bühne. Der Untertitel ihrer Inszenierung lautet dabei „Schade, dass es nicht geklappt hat". Wer heute in Theatersee sticht, hat einiges an Illusionen schon über Bord geworfen.
- - - - - - - - - - - - -


- - - - - - - - - - - - -
„zitty“, 22/2005
- - - - - - - - - - - - -