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Wenn Frauen Trauer tragen
Potsdamer Unidram-Festival mit italienischer Euripides-Adaption eröffnet
von Dirk Pilz
Es fängt mit einem Geräusch an. Einem Todesgeräusch. Rechts hinten steht auf der tuchbedeckten Bühne unter dem ungnädig hellen Licht ein rostiges Eisengerüst, daran aufgeknüpft eine menschgroße Puppe. Ein ausdrucksloser Anzugsmensch, von dem wir nie erfahren werden, wen er darstellt, weil er mehr Symbol denn Figur ist, lässt dies tote Wesen schaukeln. Kaltes Schnarren hallt durch den Raum, erst leise heraufziehend wie eine vage Drohung, dann lauter - bis die Puppe aufreißt, Schutt und Staub auf den Boden fällt und der Todesbürokrat seinem jüngsten Opfer schnöde den Rücken kehrt. Ein Fall von Leichenschändung. Und ein starker Anfang für eine Inszenierung, die Euripides' "Troerinnen" als Bildertheater unter dem Titel "Frauen in Zeiten des Krieges" adaptiert - am Donnerstagabend als Auftakt zur zwölften Ausgabe von Unidram, Potsdams Festival für Junges Theater in Europa, zu sehen.
Noch eindrücklicher die zweite Szene in dieser gewagten Inszenierung des Sizilianers Claudio Collovà. In der Mitte der weiten Bühne steht auf schwarzen Tuch geschrieben: "Erzähl keinen Unsinn, sagte Priamos. Es gibt gar keine Helena. Sie wollen unser Gold und freien Zugang zu den Dardanellen." Helena, das war der vorgebliche Kriegsgrund für die Griechen in Troja. Und diese Helena soll nur ein irrlichternder Vorwand sein: Es geht ums Geld, um Markt, um Herrschaft. Damals schon. Und die Nicht-Helden zahlen die Zeche.
Denn hinter diesem Banner hockt eine Schar lebloser Menschenwesen, stumm und steif und zukunftslos. Das sind die Frauen, das sind die von der Geschichte Ausgespuckten. Man sieht sie und glaubt wieder Puppen zu sehen, bis sich eine Hand regt, eine Auge bewegt und die halbtote Schar zu schwarzverhangenen Alptraumfiguren erweckt wird. Sie schleichen nach vorn, heben die Arme - und sind wortlose Leidensträgerinnen. Das bleiben sie. Der Regisseur hat ihnen den schönen Euripides-Text, letzter Teil einer Trilogie, der Trojas Frauen in ihrem unerlösten Leid und Elend schildert, gestrichen; sie dürfen nichts sein als Bild und Zeichen und müssen doch die ganze Tragik der nichtgenannten Handlung verdeutlichen. Nur durch auf die Haut gebrannte Namen, Kassandra, Andromache, Hekabe, oder Nummern wird ihnen Individualität zugewiesen. Sonst: namenloses Leid.
Eine starke Setzung durch die Compagnia Vicolo Corto. Die Entscheidung gegen das Wort und für ein energetisches, choreographiertes Ausdrucksspiel schafft starke Bilder, wenn der siebenköpfige Frauenchor in Krüge barmt, zu einer verhuschten Gefangenenschar gruppiert wird oder mit den Füßen stampft; sie rutscht aber auch in klischierte Ersatzhandlungen, wenn an Kopf, Brust und Schenkel geschlagen wird. Es wird vieles groß behauptet an diesem Abend; Troja soll auch für Auschwitz, für alle Leiden der Frauen stehen. Nicht immer werden für diese waghalsigen Inhalte tragfähige Formen gefunden, zumal es den Darstellern an Präzision und Haltung mangelt. Dennoch, wer sich umschaut im Theaterland Deutschland, wird solch bildkräftiges Tanztheater eher selten finden. Insofern: ein würdiger Auftakt für Unidram, das noch bis nächsten Samstag verschiedenste Bühnenästhetiken vorstellt.
Vor dem Spiel wurden die erwartbaren Zusicherungen durch Brandenburgs Kultusministerin, Potsdams Oberbürgermeister und eine Universitätsvertreterin abgegeben (Unidram, wichtig! Unidram, wunderbar!), denen wir aber erst Glauben schenken, wenn das Festival auch in den nächsten Jahren finanziell am Leben gehalten wird.
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MAZ, 22.10.2005
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