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Irres Murmeln ersetzt das erhabene Klagen Festival
von Leni Höllerer
Mit erhobenen Händen stehen sie da, schwarz gekleidet und barfuß, die Gesichter kalkweiß, starr: die Frauen Trojas. Aus dem Off dröhnt ein schrilles, zermalmendes Maschinengeräusch - die Maschinerie des Krieges, die Priamos' Stadt vernichtet und nur die Frauen und Kinder als Gefangene der Griechen zurückgelassen hat. Claudio Collovàs Inszenierung Frauen in Zeiten des Krieges, Auftakt des 12. Unidram-Festivals für junges europäisches Theater in Potsdam, ist inspiriert von Euripides' Troerinnen, reduziert die Tragödie ganz auf den Schmerzensschrei der Frauen und hebt damit ihre zeitlose Gültigkeit hervor.
Frauen in Zeiten des Krieges ist Theater ohne Worte: Verzweifeltes Gestikulieren, irres Murmeln, Schreien und Heulen, archaisch anmutender Ausdruckstanz ersetzen die erhabenen Klagen von Euripides' Heldinnen und den Gesang des Chors. Die Frauen von Troja verkörpern das totale Leid des Krieges, dem Wahnsinn nahe kreisen sie um den eigenen Schmerz, verlorene Gespenster in einer Wüste jenseits von Raum und Zeit, wo nur noch halb im Sand versunkene Vasen von einstigem menschlichen Leben zeugen.
So berührend und existentiell dieses wortlose Grauen ist, so sehr dünnt eine derart eindimensionale Deutung Euripides' Tragödie aus. Talthybios etwa, der griechische Herold, erscheint nicht mehr als gebrochener, zwischen schickalhafter Notwendigkeit und persönlichem Mitleid gefangener Charakter, sondern als eine Bestie, die den Frauen sadistisch und ohne jeden Grund das Begräbnis ihrer Toten versagt, höchstens sein verlorener Blick läßt noch Trauer erahnen. Schade, seiner tieferen, philosophischen Ebene wird Euripides so beraubt. Das Inferno, das Collovà statt dessen inszeniert, ist quälend und langwierig - quälend und langwierig wie der Krieg und gerade deshalb auch ohne Metaebene beeindruckend.
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Berliner Morgenpost, 22.10.2005
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