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Vom Reiz des Ungewissen Lange Nacht der Unidram-Experimente
von Jörg Giese
Bevor die Organisatoren Unidram 2004 entzerrten und seither nur noch eine Aufführung pro Abend zeigen, waren an den meisten Festivaltagen mehrere Inszenierungen zu sehen. Jetzt wurde diese Tradition in der erstmals durchgeführten "Langen Nacht der Experimente" wieder aufgenommen.
Den Machern erlaubt dieses Format, auch kurze Produktionen zu zeigen. Außerdem lassen sich in so einer Wundertüte schwer verdauliche Produktionen unterbringen, wie die Produktion (Myopia)2 der Gruppe Djalma Primordial Science aus Berlin. Die Butoh-Tänzerin Ephia untersucht in ihrer Performance das Verhältnis eines fast blinden Mädchens zu ihrem fremd gewordenen Körper. Zu Beginn stehen Ephia und ihre Partnerin Ana Karen Suarez in einem Klassenzimmer und tauchen immer wieder in gebückter Haltung einen Lappen in einen Putzeimer. Währenddessen dürfen die Zuschauer mit Papierfliegern werfen. Ein berückendes Bild dafür, wie verloren man sich während der Pubertät inmitten des Schultrubels fühlen kann. Dann fangen die Tänzerinnen an, sich durch den Raum zu bewegen und der Zauber ist dahin. Permanent zuckend simulieren sie Verzweiflung und erzeugen doch nur Krampf.
Die Lange Nacht hatte viel versprechend begonnen. Krepsko aus Tschechien reduzieren in ihrer Inszenierung "Fragile" die "Glasmenagerie" von Tennessie Williams auf Laura und ihr Verhältnis zu den gläsernen Gegenständen, mit denen sie sich umgibt. Das Objekttheater erkundet auf poetische, wenn auch etwas betuliche Weise, wie viel Erfüllung in der Einsamkeit liegen kann, wenn man den Dingen so viel Leben einzuhauchen vermag, wie Darstellerin Linnea Happonen.
Auch "Dracula" des Berliner Papiertheaters "Invisius" bezauberte das Publikum. Faszinierend, wie viel räumliche Tiefe Valesca Zürn und Rüdiger Koch erzeugen, indem sie die zweidimensionalen Hintergründe und Figuren geschickt in der Tiefe staffeln. Zwischendurch ging es dann zum Luftholen nach draußen. In ihrer Feuershow "aBlaze" animiert das tschechische Wandertheater "Divadlo Kvelb" überdimensionale, brennende Draht-Geflechte und lässt Drachen, Pferde und andere Gestalten durch die Nacht tanzen. Leider wussten die Spieler nicht allzu viel mit ihren Figurinen anzufangen und schoben sie einfach hin und her. Trotz reichlich Feuer wollte der Funke nicht überspringen.
Trotz des arg durchwachsenen Programms ist die Lange Nacht der Experimente eine Bereicherung für das Festival und der rege Zustrom des Publikums spricht für die Entscheidung, dieses Format nächstes Jahr zu wiederholen. Der Reiz an Experimenten ist ja gerade ihr ungewisser Ausgang. Aber bei der Planung der Ausgabe sollten die Organisatoren genauer darauf achten, ob die Versuchanordnung der eingeladenen Produktionen überhaupt sinnvoll ist. Dann kann auch Scheitern sehenswert sein.
So wie bei Babelfish aus Berlin. Die beiden Performer stecken bei "Zoon" in aufblasbaren Gummihüllen und erzeugten mit ihnen groteske Körperbilder. Leider waren sie die meiste Zeit mit der widerspenstigen Technik beschäftigt. Trotzdem blitzte immer wieder das Potenzial der abstrusen Pneumatik auf. Und indem die Ballonmenschen die Pannen thematisierten, gewannen Babelfish das Publikum mit Charme und Improvisation.
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„MAZ“, 01.11.2006
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