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Sehnsuchtsort Delirium
Schweizer Auftakt bei Unidram
von Jörg Giese
Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass in Kneipen keine Uhren hängen? Die Gäste fragen nicht nach der Zeit. Sie wollen sie nicht nutzen, sondern ihr entkommen. Und Uhren wären dabei nur störend. Die vier Nachtvögel, die in der Inszenierung "Delirium" der Schweizer Theatergruppe Plasma rund um das Tresenoval abhängen, suchen das Vergessen. Wir erfahren nicht, was sie vergessen wollen. Vielleicht haben sie das selbst bereits vergessen. Aber eines wissen sie noch: Gehen wollen sie alle nicht. Bloß nicht zurück in die Wirklichkeit mit all ihren Zumutungen.
Ihr Sehnsuchtsort ist das "Delirium", jener schwebende Zustand zwischen Wachen und Schlafen, der Halluzinationen und Desorientierung auslöst. Und er trübt das abstrakte Denkvermögen mit seinen quälenden Fragen nach dem Sinn des Lebens.
"Delirium" war der geschickt platzierte Auftakt für die 13. Ausgabe des Unidram-Festivals in Potsdam, das den anfänglichen Osteuropa-Schwerpunkt abgelegt hat und sich mittlerweile als Podium für junges Theater in Europa versteht. Die Inszenierung - entstanden in Koproduktion mit dem Berliner Hebbel am Ufer und dem Schlachthaus-Theater Bern - ist beispielhaft für die Suche der Organisatoren nach Theaterformen, die mittels Klang, Körpersprache und Rhythmus ganz eigene Bühnenwirklichkeiten schaffen. Wesentlich für die atmosphärische Dichte von "Delirium" ist der Soundteppich, mit dem DJ Martin Wigger und Musiker Jorgos Margaritis das präzise Spiel der Darsteller unterlegen. Manchmal kommen sie zu einem Lied zusammen. Aber anders als bei Christoph Marthalers Arbeiten bietet hier nicht einmal der Gesang eine Fluchtmöglichkeit aus der Vereinzelung. Eine traurigere Version des Ohrwurms "Fiesta Mexikana" als in "Delirium" dürfte man noch nie gehört haben.
Regisseur Lukas Bangerter beobachtet nicht nur das immer absurdere Verhalten der Figuren. Er findet auch surreale Bilder für ihre Wahrnehmungsverschiebungen. Kurz bevor seine Gäste den ersehnten Zustand erreichen, erscheint der Barkeeper plötzlich mit einem Monsterkopf. Wie selbstverständlich wischt er den Tresen. Als er fertig ist, nimmt er die Maske ab, öffnet die Tür und geht ins helle Tageslicht. Parallel dazu wird ein Digital-Uhr-Countdown eingeblendet, der das Ende der Inszenierung einläutet. Es ist dies zugleich das Ende der Illusion, dass man der Zeit entkommen kann.
Heute Abend geht Unidram mit Bewegungstheater der tschechischen Gruppe "Farm in the Cave" weiter, die bereits letztes Jahr die Potsdamer Zuschauer begeisterte. Am Montag folgt dann die erstmals veranstaltete "Lange Nacht der Experimente". Die Bandbreite der sechs Inszenierungen reicht von Miniaturtheater aus Papier über eine Feuershow bis hin zu einer Butoh-Performance. Es könnte sein, dass man an diesem Abend auch in eine Art Delirium gerät. Ganz ohne Alkohol. Nur durch Theater.
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„MAZ“, 28.10.2006
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