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Auftritt der Vergessenen
Bladder Circus Company und Farm in the Cave gastieren bei Unidram
von Jörg Giese
Die Bühne des T-Werks sieht aus wie ein Kuriositätenkabinett. Im Halbdunkel verstauben merkwürdige Instrumente und noch merkwürdigere Musiker. Das Pissoir der Oper ist unbeschreiblich, beklagt sich einer. Doch welche Oper würde diese verkrachten Existenzen einstellen? Wenn sie je ein Engagement hatten, haben sie es vor langer Zeit verloren. Jetzt hausen sie in dieser Bruchbude, aus der es kein Zurück gibt in etablierte Strukturen.
Hin und wieder beklagt sich einer über das fehlende Miteinander, ab und zu finden sie in minimalistischen Klangstrukturen zu gemeinsamem Spiel. Doch schon bald fallen sie in die Routine ihrer Macken zurück. Dann warten sie wieder auf die Sängerin, die irgendwann auftauchen soll.
Ausgangspunkt für die verschrobene musiktheatralische Komposition "Floptwitterer" der ungarischen Bladder Circus Company, die Unidram am Freitag präsentierte, waren Texte von Thomas Bernhard. Aber wo die Romanfiguren des Österreichers noch mit Gott und der Welt hadern, haben die Musiker den Zustand jenseits der Erregung erreicht. Sie sind wie Gestalten auf einem vergilbten Foto, die ihr eigenes Verblassen beobachten.
Regisseur Szabolcs Szöke hat für diese Inszenierung Mitglieder des Tin-Tin-Orchesters und Schauspieler der Theatergruppe Studio K zusammengebracht, und mit ihnen eine Form des theatralen Konzerts entwickelt. Abgesehen vom dem exaltierten Auftritt der Sängerin am Ende, ist "Floptwitterer" von einer faszinierenden Selbstvergessenheit. Es passiert fast nichts, und doch erliegt man dem meditativen Charme.
Am Samstag folgten Farm in the Cave aus Tschechien, die wie die Bladder Circus Company zum wiederholten Male bei Unidram auftraten. In ihrer Inszenierung "Waiting room" beschäftigt sich die Gruppe mit einem Bahnhof in der slowakischen Provinz, von dem aus Juden in polnische Konzentrationslager deportiert wurden. Regisseur Viliam Docolomansk˘ versucht erst gar nicht, Bilder für das Grauen zu finden. Im Mittelpunkt steht Hana Varadzinová als Journalistin, die bei Recherchen auf die dunkle Geschichte des Bahnhofs stößt. Eine der ermordeten Frauen lässt sie nicht mehr los. Auf leerer Bühne entwickelt sich ein emotional und physisch aufgeladener Kampf zwischen ihr, ihrem ignoranten Partner (Róbert Nizník) und der Toten (Eilska Vavríková) um die Macht in diesem Erinnerungsraum. In harten Schnitten setzt Docolomansk˘ Miniaturen gegeneinander, in denen sich Vergangenheit und Gegenwart überlagern. Die Figuren belauern sich, sind stets auf dem Sprung. Die Szenen entwickeln sich aus alltäglichen Situationen, deren Bewegungsabläufe die Tänzer plötzlich verdichten und zuspitzen. Ihre Gesten formen sich überraschend und doch beiläufig. Das atemlose Spiel und die Musik lassen kaum Raum für Sentimentalitäten. Unerbittlich kreist "Waiting room" um die Probleme mit der Wahrheit.
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„MAZ“, 30.10.2006
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