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Viel Abwechslung, wenig Überraschendes
Unidram veranstaltete eine „Lange Nacht der Experimente“
von Jörg Giese
Wenn ein Festival wie Unidram, das neue Theaterformen sucht, eine "Lange Nacht der Experimente" veranstaltet, sind die Erwartungen hoch. Hier vermutet man Abwegiges, nimmt Scheitern in Kauf, wenn die Inszenierungen Neuland betreten.
Die zweite Ausgabe dieses Marathons bot zwar wie im Vorjahr unterschiedlichste Darstellungsstile, aber nur wenig Experimentelles Puppenspiel ist ja nicht zwangsläufig innovativer als Sprechtheater.
Die französische "Compagnie du Coin Qui Tourne" überzeugte zwar mit perfekter Animation der an Stangen geführter Männchen, die in "Mur Mur" auf zwei Seiten einer Mauer vor sich hin leben. Die Geschichte der Kontaktaufnahme von Bob und Glob geriet aber höchst banal. Erst verprügelt der Dicke den Dünnen, dann ist der Dünne traurig, und schließlich vertragen sich die beiden wieder.
Enttäuschend war auch die Vorstellung von "Grotest Maru" im Schirrhof neben dem T-Werk: Weiße Stelzenläufer mit langen Bambusstangen staksen über den Platz, bilden geometrische Formationen, blicken sehnsüchtig zum Nachthimmel. Das ist hübsch anzuschauen, verliert aber schnell seinen Reiz, weil auch die schwarzen Gestalten, die zwischen den fremden Wesen umherwieseln, die inhaltliche Leere der dekorativen Show nicht vertreiben können.
Zuvor hatten die Finnen Ville Walo und Kalle Hakkarainen das Publikum in der Schinkelhalle mit ihrem Illusionstheater verblüfft. Wie in "Keskusteluja", das Unidram vor einer Woche eröffnete, überlagern sich auch in "Odotustila" Bühnenwirklichkeit und Videoeinspielungen: Walo jongliert so virtuos mit zwei digitalen Doppelgängern, dass man nicht mehr verfolgen kann, ob da gerade echte oder projizierte Keulen durch die Luft fliegen.
Wesentlich beeindruckender als diese unterhaltsame Nummernrevue war "Qualcosa da Sala" der italienischen Tänzerin Francesca Proia. Fast nackt, in Strumpfhose und mit einer Maske vor dem verhüllten Kopf, steht sie im Dämmerlicht der Bühne. Unsicher ist die Figur, verletzt und doch stolz. Nachdem sie die Maske abgelegt hat und in rote Schuhe geschlüpft ist, probiert sie langsam unterschiedliche Posen aus. Zu den elektronischen Klängen von Oskar Salas Trautonium, einem Vorläufer des Synthesizers, beschwört die Tänzerin sexuell aufgeladene Bilder aus Film und Werbung herauf, ohne sie zu übernehmen. Atemlos folgt das Publikum den vergeblichen Versuchen der Figur, ein autonomes Verhältnis zu ihrem Körper zu finden, fern von üblichen Klischees weiblicher Lust. Am Ende tritt sie in einen grellen Scheinwerferkegel, die Maske wieder vor dem Gesicht, und ist den Blicken ausgelieferter denn je. Als Proia sich verbeugt, fängt das Publikum nur zögerlich an zu applaudieren. Zu zart war das Gewebe dieser bestürzenden Körperstudie, um die Stille von "Qualcosa da Sala" durch Klatschen, Pfiffe und Trampeln zu stören. Ein Abend, so radikal und mutig, wie Unidram immer sein will und während dieser langen Nacht der Experimente nur selten war.
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„MAZ“, 01.11.2007
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