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Am Ende der Nacht
Sarah Kanes „4.48 Psychose“ bei Unidram
von Jörg Giese
„4.48 Psychose“ ist das letzte Theaterstück der britischen Dramatikerin Sarah Kane. Kurz vor ihrem Tod übergab sie den Text noch ihrem Verleger. Schon länger war Kane wegen manisch-depressiver Schübe in Behandlung, verbrachte immer mehr Zeit in Kliniken, bis sie sich im Februar 1999 erhängte.
Der Titel spielt auf die Phase frühmorgens an, wenn Kane erwachte und endlich klar denken konnte, weil über Nacht die Wirkung der Medikamente nachließ. Gleichzeitig stand sie dann ihren Wahnvorstellungen besonders hilflos gegenüber. „4.48 Psychose“ verarbeitet Kanes Erfahrungen in der Klinik und verdichtet sie zu einem verstörenden Protokoll widersprüchlicher Stimmen.
Die Hamburger Regisseurin Chang Nai Wen hat für diesen schwierigen Text eine ungewöhnliche theatrale Umsetzung gefunden. Bei ihrem Gastspiel in der Schinkelhalle trennt sie nicht zwischen Bühne und Zuschauerraum, sondern lädt das Unidram-Publikum ein, den Darstellern auf ihrem Weg durch das Halbdunkel des Raums zu folgen, der von drei Vorhängen strukturiert wird.
„Um 4.48 Uhr werde ich mich umbringen“, verkündet die Schauspielerin Iris Faber mit fester Stimme. Sie steckt in einem weißen Stoff-Schlauch, aus dem nur ihr roter Lockenkopf herausschaut. Aber da ist noch etwas anderes in dieser dehnbaren Hülle, etwas, das sie bedrängt, ein zweiter Körper, dem es nach und nach gelingt, sich samt Schlauch von Faber abzusetzen. Chang Nai Wen spielt das Alter Ego dieser Figur, belauert sie, heftet sich an ihr Bein, windet sich auf dem Boden oder versucht, Faber in ihre Hülle zu ziehen.
Trotz der Größe der Halle wirkt die Inszenierung intim, bedrängt die Zuschauer und zieht sie hinein in diesen aussichtslosen Kampf eines Bewusstseins gegen sich selbst. Sehr klar, mit mühsam abgerungener Disziplin protokolliert Iris Faber die Risse dieses Ichs, das sich nach einer Realität sehnt, „wo der Geist eins ist mit dem Körper“.
Sie erzählt von ihren Wahnvorstellungen, sieht sich als Käfer über Stuhllehnen krabbeln und reibt sich immer wieder an den Stimmen der Ärzte, die ihr aus dem Off versichern, dass sie für ihren Zustand nicht verantwortlich sei. Sie zählt die Medikamente auf, die sie in immer höheren Dosen verabreicht bekommt, berichtet von den Nebenwirkungen, dokumentiert die gewalttätigen Auseinandersetzungen mit dem Klinikpersonal, ihre Aggressionen, ihre Wut, ihre Verzweiflung.
Nach und nach zieht sie bei ihrem Gang durch die Halle die Vorhänge auf, so wie sie alle Illusionen über eine Heilung beiseite schiebt ”Es darf mich nicht umbringen“, fleht sie, und weiß doch: "Es wird mich umbringen."
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„MAZ“, 03.11.2007
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