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Spiel mit dem Feuer
Die 14. Ausgabe von Unidram endete mit einem fulminanten Schlussspurt
von Jörg Giese

„Immer in der Welle bleiben!“. Langsam leitet ein halbnackter Guru die Menschenschlange durch das Holzlabyrinth, vorbei an wackeligen Hütten, Bretterstapeln und Vogelskulpturen. Währenddessen tränkt Richard von Gigantikow die Objekte mit Spiritus und übergibt seine Installation dem Flammentod. Mit dieser nächtlichen Performance endete auf dem Potsdamer Schirrhof die 14. Ausgabe von Unidram. 3200 Besucher waren nach Angaben der Veranstalter zu den Gastspielen der 16 Theatergruppen gekommen. Damit konnte Unidram die Auslastungszahlen noch einmal deutlich steigern.

Die Zuschauer des letzten Abends stehen noch lange vor dem riesigen Lagerfeuer und diskutieren über den Auftritt der belgischen Theatergruppe Agora. In ihrer Inszenierung „Die Kreuzritter“ lädt ein Hospital für verdienstvolle Gotteskrieger zu einer Benefizgala. Unter der Anleitung von Oberschwester Zara stellen sechs ausgemusterte Kreuzritter die Therapien nach, mit denen sie ihre Traumata überwinden sollen. Zwischendurch singen sie Kirchenlieder, veranstalten eine Tombola und danken ihren Sponsoren. „Die Kreuzritter“ ist eine kurzweilige Nummernrevue, gespickt mit Gags und Musik. Der analytische Gehalt der Inszenierung geht allerdings gegen Null. Überdeutlich klagt Regisseur Marcel Cremer die weltanschauliche Überheblichkeit des Westens gegenüber den „Ungläubigen“ im Nahen Osten an. Es sind die Momente, in denen Cremer dem Publikum plötzlich eindringliche Bilder des Grauens unterjubelt, die haften bleiben. Bei der „Tränentherapie“ müssen die Patienten um die Wette weinen. Schon da weiß man nicht, ob man lachen oder mitheulen soll. Unerträglich wird es, wenn die Versehrten ihre Gesichter mit Gummibändern verunstalten, anschließend über ihre Kriegserlebnisse reden und dabei Fotos von Verstümmelten zeigen. Cremer riskantes Spiel ist nur einen Schritt von der Denunziationen entfernt und wahrt doch trotz Entblößung die Würde der verstörten Gotteskrieger.

Auch Akhe aus Russland spaltete das Publikum. Ihre Version der Faust-Sage zeigt keinen verzweifelten Sinnsucher, sondern einen kauzigen Magier. In einem Verschlag veranstaltet er absurde Experimente, zeigt Schattenspiele, und amüsiert sich überhaupt prächtig. Mephisto wartet derweil gelangweilt im Hintergrund, bis Fausts Zeit abgelaufen ist. Dann schütteln sich die beiden wie Geschäftsmänner kurz die Hände und gehen ab. Ohne Übersetzung blieb der russische Text zwar unverständlich, wurde aber nicht vermisst. Er hätte nur abgelenkt von Akhes tollkühnem Budenzauber. Wer auf eine vielschichtige Faust-Interpretation gehofft hatte, verließ das T-Werk enttäuscht. Wer sich auf den absonderlichen Humor der Gruppe einlassen konnte, schwärmte hinterher.

Mit diesen beiden Gastspielen und Chang Nai Wens Installation zu Sarah Kanes „4.48 Psychose“ legte das Festival für junges Theater einen beeindruckenden Schlussspurt hin. Dabei war der Finanzrahmen der 14. Ausgabe so eng, dass die Veranstalter einen Festival-Tag streichen mussten. Obwohl die Stadt Potsdam ihren Zuschuss erhöht und das Land die Zusage gegeben hatte, seinen Anteil nicht zu kürzen, ist Unidram unterfinanziert. So sind die Organisatoren abhängig von Institutionen wie der Bundeskulturstiftung, die Festivals aber nicht dauerhaft fördern. Gelingt es Unidram nicht, einen Sponsor zu finden, können demnächst nicht mehr die interessantesten Off-Theater, sondern nur noch die billigsten eingeladen werden. Ein Programm von der Güte dieses Jahrgangs wird dann nicht mehr zustande kommen.

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„MAZ“, 05.11.2007
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