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Die Tücken des Telefons
Die finnischen Theatermagier Walo und Hakkarainen eröffnen das 14. Unidram-Festival
von Jörg Giese

Das Telefon ist ein wunderbarer Apparat, besonders für Verliebte. Ständig kann man in Kontakt bleiben. Aber dieses Kommunikationsmittel hat so seine Tücken. Vor allem, wenn es schweigt. Warum ruft mich der andere nicht an? Und warum hebt er nicht ab, wenn ich anrufe?

Wie schnell die Distanz, die das Telefon verringern soll, unüberbrückbar wird, zeigt die Theaterproduktion "Keskusteluja". "Gespräche" heißt der finnische Titel auf Deutsch. Er könnte auch "Selbstgespräche" heißen, denn die Verständigung mit der Frau, nach der sich die beiden Männer auf der Bühne des Potsdamer T-Werks sehnen, will nicht gelingen. Auch dann nicht, als sie doch am Telefon ist. Da jongliert Ville Walo mit zwei Bällen und einem Hörer, und vermittelt den unglücklichen Verlauf des Gesprächs, ohne ein Wort zu sagen. Walo und sein Partner Kalle Hakkarainen setzen ganz auf visuelle Zeichen. Damit waren sie der ideale Auftakt für die 14. Ausgabe des internationalen Theaterfestivals Unidram, das am Donnerstag eröffnet wurde.

Die Inszenierung ist noch am ehesten mit dem Begriff "Cirque Nouveau" zu fassen. Jongleur Walo und Videokünstler Hakkarainen kombinieren alte Zirkustechniken und neueste Medien, um die Geschichte einer verglühenden Liebe zu erzählen. Der Bühnenboden besteht aus 20 Pappen, die hochgeklappt werden, um sie als Projektionsfläche für Ausschnitte aus einem russischen Stummfilm zu nutzen. Wie Erinnerungen, die sich nicht kontrollieren lassen, kommen und gehen die Bilder. Hakkarainen, der in Schlabberhose und T-Shirt den müden Träumer gibt, versucht immer wieder, mit der Frau in dem Film Kontakt aufzunehmen. Wenn er einen Zettel hinter eine der Pappen schiebt, und die Nachricht plötzlich auch im Film auftaucht, als hätte Hakkarainen der Schauspielerin das Papier zugesteckt, überlagern sich Illusion und Wirklichkeit, ohne zur Deckung zu kommen. Denn im nächsten Moment segelt die Nachricht schon wieder aus dem Film auf den Boden. Auch Walos Kommunikationsversuche scheitern. Das Objekt seiner Begierde ist zwar real, aber genauso unerreichbar. Er bleibt allein, egal ob er auf eine Pappfigur einredet, während eine Projektion den Umriss des Frauenkörpers mit Buchstaben anfüllt oder mit dem Telefon jongliert, bis sich die Schnur um seinen Hals wickelt.

Bei aller Melancholie bleibt "Keskusteluja" leicht und verspielt, überrascht immer wieder mit neuen Tricks. Es ist nicht nur die Fülle der Einfälle, die diese sensationelle Inszenierung auszeichnet. Sie besticht vor allem durch die Geschmeidigkeit, mit der unterschiedlichste Elemente verzahnt werden, um dem Thema immer wieder neue Seiten abzugewinnen.

Selten wurden Videoprojektionen so überzeugend eingesetzt, um einen Spielraum zwischen Film und Bühne zu erzeugen. Gleichzeitig bekommen die klug komponierten Szenen durch Walos Kunststücke eine starke Körperlichkeit. Erstaunlich, wie gut mit Jonglage die Seelenzustände einer Figur übersetzt werden können. Der Kitzel jeder Form von Artistik ist ja das Scheitern. Nicht anders ist es zwischen Mann und Frau. Eine falsche Geste, und der Zauber ist verfolgen. Walo ist als verspannter Neurotiker genauso kopflos wie die Puppe, die ihm auf dem Kopf herumtanzt, als hätte sie ein Eigenleben. Er hält sie sich an den Hals, verbindet seinen Kopf mit ihrem Körper, und findet doch zu keiner Identität mehr. Enttäuscht reißt er ihr die Gliedmaßen aus, jongliert mit den Einzelteilen, setzt sie wieder falsch zusammen und kickt sie schließlich durch das T-Werk.

Am Ende liegen die Pappwände wieder auf dem Boden. Ganz hinten sitzen Walo und Hakkarainen an einem Tisch und hören die verrauschten Nachrichten eines Anrufbeantworters ab. Doch das Flehen der weiblichen Stimme erreicht sie nicht mehr, genauso wenig wie die Botschaft des Zettels, der vor ihnen liegt und sich auf unerklärliche Weise von selbst zusammenfaltet. Hier wächst nicht mehr zusammen, was doch einmal unzertrennlich war.

Wer die beiden Theatermagier verpasst hat, sollte am Dienstag zur langen Nacht der Experimente kommen. Die Produktion "Odotustila" lädt noch einmal dazu ein, Walo und Hakkarainen in ihre Traumwelt zwischen Schein und Sein zu folgen.

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„MAZ“, 27.10.2007
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