|
- - - - - - - - - - - - -
Zwischenbericht
Interview mit Hartmut Krug
aus der Sendung Fazit
Vogelsang: UNIDRAM heißt ein Festival in Potsdam, das am Donnerstag letzter Woche begonnen hat und am 03. November endet. Es ist schon die 14. Ausgabe und der Titel lässt unschwer erkennen, es handelt sich um junges Theater zum Teil von Studenten. Es versteht sich international und will den kulturellen Austausch befördern. 9 Gruppen präsentieren diesmal 16 Inszenierungen vom Schauspiel über Tanz bis zum Straßentheater. Am Telefon begrüße ich Hartmut Krug, der seit Jahren dieses Avantgardefestival beobachtet. Guten Abend.
Krug: Guten Abend, Herr Vogelsang.
Vogelsang: Herr Krug, vielleicht bevor wir auf einzelne Inszenierungen eingehen etwas zum Grundsätzlichen: Gibt es denn so etwas wie eine klare Programmatik von UNIDRAM.
Krug: Hat es gegeben und gibt es immer noch. Gegründet wurde es nach der Wende von Studenten der Universität um den Austausch zwischen Ost und West also von besonderen Theaterformen zu befördern. Dabei wurde vor allem ein Augenmerk auf nonverbales Theater gelegt. Man will junges Theater zeigen. Und dass während des gesamten Festivals die Theatermacher dabei sind, was für andere Festivals vollkommen untypisch ist, führt dazu, dass es sehr viel künstlerischen Austausch gibt und immer wieder Zusammenarbeiten von Gruppen die sich hier kennen gelernt haben und das natürlich auch die jungen Leute ihr eigenes Publikum sind. Hier sind also sämtliche Veranstaltungen, schon allein weil die anderen Künstler da sind, überfüllt und ausverkauft.
Vogelsang: Junges Theater sagen Sie. Kann man also davon ausgehen, dass dieses Festival auf die inhaltlichen und ästhetischen Herausforderungen unserer Gegenwart reagiert?
Krug: Ja, Das kann man so sagen. Wobei es in diesem Jahr anders ist als in früheren Jahren. Das ergibt sich manchmal so. Also in früheren Jahren gerade durch einige polnische Theater sind sehr viel existenzielle grundsätzliche Fragen gestellt worden. Dann hat es in den letzten Jahren sehr viel Stücke gegeben, die die Gesellschaft untersuchten und die Probleme der Wendegesellschaft wiederspiegelten. Und in diesem Jahr fällt für mich auf, dass es sehr viele Theater gibt, die neue Formen ausprobieren, also mehr auf dem formalen Sektor und das es sehr viel Illusionstheater gibt - Theater, das mit den unterschiedlichsten Medien arbeitet.
Vogelsang: Eröffnet hat ja vorige Woche das finnische Theater Walo & Hakkarainen. War das, Herr Krug, Theater pur und zu welchem Thema oder war das auch schon eine Grenzüberschreitung, dann in welche Richtung?
Krug: Ja in mehrere Richtungen, weil diese beiden, Ville Walo und Kalle Hakkarainen, gleichzeitig Jongleure und Zauberer sind. Sie haben auch heute bei der Langen Nacht der Experimente ein Stück gezeigt, das Waiting Room - Wartesaal heißt und wie das Eröffnungsstück Illusionstheater ist, d.h. einerseits gibt es die Darsteller die auf der Bühne fulminante Kunststücke zeigen mit Bällen, mit Keulen, mit allen möglichen Dingen. Gleichzeitig wird auf die Rückwand ein Wartesaal eines Bahnhofs projiziert und der Wechsel der Figuren, die sowohl im Video als auch auf der Bühne sind, das ist so fulminant, dass man die Übergänge gar nicht merkt. So war heute einer der Höhepunkt, als einer der Jongleure mit seinen Keulen mit sechs seiner Dubletten tatsächlich jonglierte also einerseits in das Bild hinein wie auch mit Leuten hinter den Wänden direkt.
Vogelsang: Wie würden sie das jetzt eigentlich sehen, ist das eine Art von Performance gleichwohl mit durchkomponierten Szenen oder wie kann man das einfach benennen?
Krug: Das ist ein Grenzbereich, Performance, die auch schon in Richtung Unterhaltung also fast schon hin zum Varieté tendiert. Was ich aber spannend finde, ist, wenn man gleichzeitig eine ganz kleine Produktion sehen kann - ein Figurentheater aus Straßburg, das „Mur Mur“ also „Mauern Mauern“ gezeigt hat mit zwei kleinen Puppen in einer Beckettschen Situation: Auf beiden Seiten einer Mauer jeweils ein alter Mann mit seinem Stuhl. Männer, die aufeinander horchen, die vereinsamt sind, die gegen die Wand klopfen, die auf die Stühle klettern, um zueinander zu finden. Und auch hier ist es faszinierend wie das Medium Film eingesetzt wird. Da wird plötzlich überblendet: und die beiden Figuren sind nun auf ihrem Schrank nur noch als Bilder vorhanden, steigen aus den Bildern heraus, werden riesig, gehen aufeinander los, kehren zum Schluss wieder in die Spielsituation als kleine Handpuppen zurück und finden dann zueinander. Das Ganze so minimal gespielt so mit wenigen Gesten in einer Beckettschen Situation, dass es faszinierend ist. Aber wie man eben wieder merkt, diese Illusion diese Überschreitung das scheint im jungen Theater eine wichtige Rolle zu spielen.
Vogelsang: Sie haben ja nun schon die heutige Lange Nacht der Experimente erwähnt. Was hat sie denn da, Herr Krug, besonders beeindruckt?
Krug: Ich muss sagen, dass war die New Stage Compagnie aus Minsk in Weißrussland, ein Theater das sich von der Hochschule als freie Gruppe ausgegründet hat. Die haben ein Stück gespielt „Das Wunder des heiligen Antonius“, das sich Materialtheater nennt und die Geschichte eines Heiligen erzählt, der eine Tote wieder zum Leben erweckt. Und das wird nicht etwa mit irgendwelchen Puppen, Handpuppen oder sonst etwas gespielt, sondern es wird mit technischen Geräten, mit singenden Röhren, mit Transistoren, mit sprechenden Lampen gespielt. Das ist sehr einfallsreich, da sie keine richtigen Figuren haben, sondern nur Material, das als Figuren benutzt wird, um damit gleichzeitig eine Geschichte zu erzählen, die sehr skurril ist. Ein Abend, der wirklich beeindruckend ist.
Vogelsang: UNIDRAM, das Theaterfestival in Potsdam geht noch bis zum 03. November. Hartmut Krug gab für Fazit einen Zwischenbericht. Danke nach Potsdam.
- - - - - - - - - - - - -
|
|
|
- - - - - - - - - - - - -
„Deutschland Radio Kultur“ 30.10.2007, 23:25 Uhr 23:32 Uhr
- - - - - - - - - - - - -
|