HomeNewsProgrammFestivalTicketsStatusArchiv



 »» News »» Ausschreibung »» Presse »» Artikel
- - - - - - - - - - - - -
Das Ende der Sehnsucht – Ein Anfang
Eröffnung des Unidram-Festivals mit einer Adaption von Tschechows „Drei Schwestern“
Von Hanne Landbeck

Ganz, ganz voll war es am Donnerstagabend im T-Werk bei der Eröffnung des 15. Unidram-Festivals. Von der These der Verweiblichung der Gesellschaft sprach Kulturministerin Johanna Wanka, die das Ihre tut, um ganze Männerkrusten, zu sprengen, in diesem Fall aber hatte sie Tschechows „Drei Schwestern“ im Blick. Thomas Pösl machte darauf aufmerksam, dass viele sehr viel gearbeitet hätten, um das Festival zu stemmen, Oberbürgermeister Jann Jakobs war stolz auf die Schiffbauergasse und freut sich auf die lange Nacht der Experimente, und der Vizepräsident der Universität hob die integrative Funktion von Unidram hervor, das Stadt und Studierende zueinander bringe. Nach diesen festlichen Worten begann das Schauspiel „Schluss mit Sehnsucht! Drei Schwestern“, sehr frei nach Anton Tschechow, der nach Strich und Faden dekonstruiert wurde. Alles begann recht harmlos und so, wie man es von den „Drei Schwestern“ gewöhnt ist: Sie sitzen auf ihrem Sofa im russischen Nirgendwo und beschweren sich. Wunderbar maulig, später ordinär und oft auch streng: Solveig Krebs als Olga; kindlich naiv und großmäulig Saskia Boden als Irina; zickig, verführerisch und selbstbezogen: Lisa Grosche als Mascha. Irritierend sind zu Beginn lediglich die Spielminuten, die auf der Großleinwand alias gerahmten Bild eingeblendet werden und einen Verweis nicht nur auf die im Stück vergehende nichtsnutzige Zeit bieten. Später wird dieser Hinweis als Rettungsanker für die Zuschauer, die sich in dem nach dem ersten Drittel auseinander fallenden, nur in den letzten fünf Minuten wieder zu sich und dem ursprünglichen Drama zurückfindenden Stück recht orientierungslos vorkommen – es ist Absicht der Regisseurin Carola Unser, uns aus allen gewohnten Seh(n)süchten in die zerstückelte Wirklichkeit zu katapultieren. Die nicht nur Moskau bedeutet, es kann auch Hamburg, Paris oder Posemuckel sein. Aber der Reihe nach: Die drei Schwestern verlassen – wir haben 2008 – die Provinz, um ihren Traum zu leben. Zurück bleiben fernschauend, die beiden Männer: Kulygin (Jakob Weigert), Maschas Mann und Werschinin (Sascha Rotermund), Maschas Geliebter, die vor lauter Klischees und Fernsehbildern über Putin nicht mehr wissen, wohin mit sich und der Welt. Die hat sie verlassen wie die Schauspieler die Dramaturgie und es war ein aufreibendes Potpourri postmoderner Fragmentierung, die das Publikum einschließlich Türkenslang und Hamburger Platt überstehen musste. Zwar ergab das alles keinen Sinn, außer dem inzwischen altbekannten, dass es eben keinen mehr gibt, aber es war kurzweilig und ein Signal von Unidram, dass hier Experimente gezeigt werden.

- - - - - - - - - - - - -


- - - - - - - - - - - - -
„MAZ“, 01.11.2008
- - - - - - - - - - - - -