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UNIDRAM: Beinloser Boris beim Ball Die Bladder Circus Company aus Ungarn im T-Werk
Von Hanne Landbeck
Ein Mann im Anzug, eine Schweinsmaske auf dem Gesicht, sitzt an der weiß gedeckten Tafel, eine Taube gurrt im Käfig, der wie ein Blumenstrauß den Tisch ziert und daneben ein schmaler Mann mit Bart und Zylinder, der während des gesamten Dramas fast nichts tut, außer mittels eines Schlauchs in eine Art Tischharmonika zu blasen. Aus dem Bühnenhintergrund erschallt Trommelwirbel. „Johanna“ schallt es von da hinten, aber es erfolgt keine Reaktion. Die kleine Festgemeinde bleibt in ihrer Erstarrung, bis „die Königin“ kommt und ihre absurden Texte singt: darüber, dass sie immer wieder fragt, wie viel Uhr es ist, aber keine Antwort bekommt, weil es immer drei Uhr ist, wenn sie fragt. Sie befiehlt den anderen, nicht an sie zu denken, wenn sie die Beine übereinander schlagen...
Es ist eine Replik auf Thomas Bernhards „Ein Fest für Boris“, das die „Bladder Circus Company“ aus Ungarn hier in ihrer eigenen, absurden Komik präsentieren. Vielleicht muss man das Stück von Bernhard kennen, um zu wissen, dass es sich bei Boris um einen Beinlosen handelt, der sich bei seinem eigenen Fest zu Tode frisst. Viel gekichert und auch laut gelacht wurde, als die übrigen Festgäste wie die armen Tröpfe einmarschieren und der eine von ihnen trotz des lustigen spitzen Hütchens auf dem Kopf sehr traurig seinem Luftballon hinterher schaut, der aus seinen Händen gerutscht ist. Der zweite mit dem Geschenk in der Hand isst die Kekse selbst, die da drin verborgen sind. Auch er ist eher tölpelhaft und lässt sie zur großen Erheiterung des Publikums immer mal wieder auf den Boden fallen. Die lässig auf der in die Bühne integrierten Lichtregie lümmelnde Frau im Abendkleid erhebt sich ein einziges Mal, greift zur Leiter, klettert nach oben und haut rigoros mit einem Stock auf einen nicht funktionierenden Scheinwerfer. Derweil läuft das Fest seinen absurden Gang, die Königin singt, Boris schreit „ich will keinen Scheitel“, die Gäste bringen in ihrer clownesken Art das Publikum immer mal wieder zum Lachen und ab und zu gurrt die Taube, Musik wird gemacht; irgendwann gibt es sogar eine Art Gespräch auch über Träume, das eine wunderbar eigene absurde Dimension entfaltet. Da rollten die Köpfe ohne Augen, ohne Ohren mit nur einem großen Mund.
Man darf sich den ungewöhnlichen, höchst sehenswerten Unidram-Abend als eine Aneinanderreihung von (unterhaltsamen) Absurditäten vorstellen, die im Erscheinen von Boris in der schwarzen Lederhose kulminiert. Er schlägt noch einmal seine Trommel, stirbt aber dann still vor sich hin. Lakonisch kommentieren die Anderen den „Stillstand“, der als Parabel auf unser Leben verstanden werden könnte. Wenn dies im wirklichen Leben auch mit so viel Gefühl für Spannung durch Un-Sinnlosigkeit, Wechsel zwischen Stille und Musik oder Gespräch, Sinn für wunderbare Details passieren würde, wäre vielleicht gar nichts dagegen einzuwenden. Ein großartiger Theaterabend.
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„MAZ“, 05.11.2008
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