|
- - - - - - - - - - - - -
Ein Raumschiff zum Mitfliegen
Von Rainer Dyk
Es ist ein nieseliger Abend, die Scheinwerfer heben im Zentrum des Schirrhofes eine spannende Szenerie hervor: Wie ein riesiges Mikadospiel liegt ein Haufen Eschen stangen vor Georg Traber. Andere sind schon zu stabilen Dreibeinen verbunden. Stange für Stange errichtet der Schweizer Aktionskünstler einen Gittermast auf ihnen, gleitet schlangengleich immer wieder nach oben, verbindet die neuen Stangen mit dem filigranen Bauwerk, gelangt am selbst geschaffenen Mast immer höher himmelwärts, bis auf 13 Meter an diesem Abend. Eines Tages wird er sein Bauwerk nach oben hin verlassen - heißt es im Programmheft.
Kreatives Herz der StadtDie „Architektur der Zeit“ des artistischen Baukünstlers aus der Schweiz, Georg Traber, mag wie ein Sinnbild für die "Lange Nacht der Experimente" stehen, die am Mittwochabend das 15. Internationale Theaterfestival Potsdam "Unidram" fokussierte.
Die Schiffbauergasse, der historische Ort, wo einst Ersatzkaffee produziert und Dampfschiffe gebaut wurden, wo Husaren gedrillt und Fische gezüchtet wurden, hat sich zum neuen, kreativen Herz der Landeshauptstadt entwickelt. „Unidram“ hat sämtliche Spielstätten für seine Veranstaltungen vom 30. Oktober bis 8. November vereinnahmt. 20 Theatergruppen geben aus zwölf Ländern einen Einblick in das zeitgenössische Theater. Performance, Tanz, Figuren- und Objekttheater, Darbietungen, die sich schwer in ein Genres einordnen lassen, zeigen internationalen Trend vor allem junger Künstler auf der Suche nach neuen theatralischen Ausdrucksformen.
So war es schon beim Ursprung des Unidrams vor 14 Jahren. „Unidram ist zunächst als Festival freier studentischer Theatergruppen entstanden“, erzählt Thomas Pösl, der auch heute noch die Universität Potsdam bei der Organisation des Festivals vertritt, in die inzwischen auch die Stadt mit einbezogen ist. „Sieh Dich um“, sagt Thomas Pösl, „die 'Simultanbühne' (mit sieben Spielstätten), die wir hier haben, ist wie ein Raumschiff, in dem alle mitfliegen können. Unidram hat für zehn Tage eine Eigenwelt geschaffen.“
So eigen wie „Akhe“, die Künstlergruppe aus St. Petersburg, die sich - untermalt von dröhnenden Rhythmen - sowohl wie Alchimisten auf ihrer Bühnenwerkstatt als Schöpfer skurriler Kunstobjekte aus Brot, Wodka, Glühbirnen und Flammen, als auch als Zerstörer all dessen darstellen, das sie umgibt. Und gleichzeitig malen die russischen Künstler abwechselnd an einem großen Bild auf der Bühne. Genau das ist „Unidram“ im 15. Jahr seines Bestehens - ein Platz kreativen Ausdrucks junger Künstler in ihrer Zeit, mitten in Brandenburgs Landeshauptstadt.
- - - - - - - - - - - - -
|
|
|
- - - - - - - - - - - - -
„Schweriner Volkszeitung“, 07.11.2008
- - - - - - - - - - - - -
|