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Großes Herz und ganz große Liebe
Das Bruderpaar „Hnos. Oligor“ erzählt mit ergreifend poetischen Bildern „Die Bedrängnisse der Virginia“

Eigentlich ist schon die Vorgeschichte der Theatertruppe „Hnos. Oligor“ ein kleines Märchen. Es war einmal ein Bruderpaar im spanischen Navarra, das bastelte jahrelang in einem verrümpelten Keller mit mechanischem Spielzeug, beweglichen Figuren und anderen Phantasieobjekten eine zauberhafte kleine Miniaturwelt zusammen. Dort unten in der stets dämmrigen und zudem geräuschlosen Schattenwelt der Abstellkammern begannen sie sich auch mit Licht und Soundeffekten zu befassen. Irgendwann aber verließen Senen und Jomi Oligor ihren Keller und stellten fest, dass die geheimnisvolle Kelleratmosphäre für ihren mechanischen Zirkus unentbehrlich geworden war. Auch beim Auftritt von Jomo Oligor am Montagabend in der Schinkelhalle begannen „Die Bedrängnisse der Virginia“ deshalb in einer Art künstlichem Keller.

Ein aus Stoffbahnen zusammengeflicktes kleines Zirkuszelt stand verloren im matten Rest-Licht der großen Halle und war nur über eine einzige Treppe zu betreten. Oben befand sich der Eingang, von dem aus sich der Anblick eines völlig zugestellten Gerümpel-Kellers bot, der auf der Tür-Seite vom Halbrund hoch aufragender Zuschauertraversen begrenzt war. In der Enge dieses Raumes aber dirigierte die spanische Simultandolmetscherin rund 50 staunende Menschen durch das Gewirr von Kabeln und Lampen zielsicher auf ihre Plätze. Dabei entschuldigte sich der schüchtern in der Ecke hockende Oligor für das Strippen-Gewirr („Deutsche sind größer als Spanier“) und sagte ängstlich: „Ich hoffe, ihr mögt Spielzeug“.

Noch bevor eine Antwort kam, streute er händeweise Konfetti auf die Köpfe, weil das die Stimmung heben würde. Seine Geschichte vom Mädchens Virginia, das Tänzerin werden will, und dem seine erste Liebe erlebenden Valentino ist aber keinesfalls eine sich chronologisch abwickelnde Erzählung. Oligor, der ein wenig an die Figur des Antihelden Mr. Bean erinnert, zog seinen roten Faden liebevoll durch eine altmodisch bizarre Welt im Puppenstubenformat, in der sich hinter jedem überraschend öffnenden Türchen ein neues kleines Wunder verbarg.

Da ritt Virginia auf einem Elefanten oder Valentin fuhr in seinem Miniatursportboot im Mondschein einer Lichtkugel in seiner Wasserschüssel, bis aus einer Gießkanne Regen ins Boot peitschte, das schließlich dramatisch kenterte. Zwischendurch versprühte Oligor ganze Wolken von Kölnisch Wasser und flirtete schüchtern mit einer jungen Zuschauerin, bis die ihm einen Kuss schenkte. Dann wurde mit einem antiquierten Luftgewehr geschossen, oder Virginia, von einer Kerze beleuchtet, fuhr im Lichtball unter und über den Köpfen der Zuschauer durch den dunklen Raum.
Das alles war von einer solch ergreifenden Poesie der Bilder getragen, dass am Ende der bejubelten Aufführung die Augen der beglückten Gäste im Dunkeln deutlich zu leuchten begannen.

von Lothar Krone



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„MAZ“, 04.11.2009
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