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Balkanische Rätsel
Das Sofioter Bewegungstheater „Performance Lab“ betreibt Verfremdung bis zur Unkenntlichkeit

Dieser Abend im T-Werk darf getrost als ein geglücktes Beispiel vollständiger Verfremdung gewertet werden. Nun hatte jeder Freund des experimentellen Theaters vom mit viel Vorschusslorbeer bedachten Bewegungstheater „Performance Lab“ aus Bulgariens Hauptstadt Sofia ohnehin mit einigen Überraschungen gerechnet. Schließlich war deren Unidram-Beitrag „Verstummen“ in der bulgarischen Presse als „eine der stärksten weiblichen Inszenierungen der letzten Theatersaison in Sofia“ gefeiert worden. Inhaltlich sei das Stück von Ingmar Bergmans Filmklassiker „Persona“ inspiriert, konnte man lesen, und der beginnt bekanntlich mit Stummfilmausschnitten, einem erigierten Penis, einer Schafschlachtung, einer genagelten Hand und etlichen scheinbar toten Körpern.

Dieser Introduktion folgt im Film die Geschichte von der Krankenschwester Alma, die bei der Betreuung einer stummen Patientin, die kurioserweise Schauspielerin ist, ihre Individualität verliert und in ihr aufzugehen scheint. Der Film endet vielsagend mit der Verschmelzung beider Frauengesichter.

Die bulgarische Regisseurin Elena Panayotova stellte in ihrer Inszenierung nicht nur zwei symbiotisch verschmelzende Frauenseelen auf eine völlig leere Bühne, sondern bot mit Veronika Petrova, Antoaneta Petrova, Darina Paraskova, Desislava Hristova und Ana Vulcheva gleich fünf Damen dafür auf. Dieser theatralische Schachzug vervielfältigte sogleich die Variationsmöglichkeiten beim Spiel mit den seelischen Interaktionen.

Tatsächlich schritten die in strengen priesterinnenartigen Kleidern agierenden Frauen in immer neuen Paarkonstellationen bedeutungsschwer über die Bühne. Tiefe Blicke, tastenden Gesten, stumme Schreie und geheimnisvolle Figuren, wie sie sonst nur Synchronschwimmerinnen bieten, wurden von Scheinwerferkegeln wirkungsvoll ausgeleuchtet. Die meist stummen Gestalten aber belebten sich zuweilen durch Stimmen aus dem Off, die in rasend schnellem Bulgarisch von Schwester Alma und der Schauspielerin erzählten.

Wer kein Bulgarisch konnte oder sich im stockdusteren Raum mit der mehrseitigen Übersetzung schwertat, hatte spätestens jetzt ein Problem. Den Damen auf der Bühne aber, denen der Gedanke an die Fremdheit der bulgarischen Sprache verständlicherweise fremd war, legten mit bewundernswerter Energie allen Ausdruck in ihr auf größtmögliche Dramatik abzielendes Spiel. Warum die Frauen dabei mal sirenenhaft klagend oder überspannt kichernd in synchrone Lachkrämpfe verfielen, blieb rätselhaft. Als die beiden Protagonistinnen von ihren spiegelbildlichen Mitspielerinnen verlassen in einem Scheinwerferkegel hinsanken, die eine leblos und die andere im Schoß sie noch haltend, erahnten die Zuschauern zumindest das nahe Ende.

Nachdem auch der letzte Lichtstrahl über dieser Pieta der weiblichen Seele erloschen war, leuchtete allerdings auch dem letzten Zweifler ein, dass man Verfremdung übertreiben kann.

von Lothar Krone



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„MAZ“, 04.11.2009
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