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Täuschung oder Realität?
Die Berliner Puppenspielerin Uta Gebert bezauberte zur „Langen Nacht des Figurentheaters“
In der Ankündigung der „Lange Nacht des Figurentheaters“ wortspielten die Veranstalter des Theaterfestival UNIDRAM wortspielte der Veranstalter gewitzt mit der Zeitangabe„Bis in die Puppen“. Immerhin fünf Produktionen lockten unzählige Zuschauer in die Schiffbauergasse, und so war das Gedränge groß. An der Übersichtstafel des Festivals standen drei junge Männer und sinnierten, wie sie umdisponieren sollten, weil sie augenscheinlich für ihre Wunschvorstellung keine Karten bekommen hatten. „Ist doch Scheiße!“, schimpfte einer, während die andern beiden schon eifrig nach Alternativen suchten. Wo sonst noch hat es das schon einmal gegeben, dass Puppentheaterkarten wie Tickets für ein Rolling-Stones-Konzert gewichtet wurden?
Die Berliner Puppenspielerin Uta Gebert muss mit einem solchen Ansturm gerechnet haben, denn sie hatte eine zweite Nachtvorstellung bereits eingeplant. „Cocon“ heißt ihre Inszenierung, und ein Kokon spielte in diesem an einen geheimnisvollen Traum erinnernden Stück eine entscheidende Rolle. Spielort war der Probensaal des T-Werks, wo sich unmittelbar vor den ebenerdigen Sitzgelegenheiten die Spielfläche befand. Zentral hoch oben über der Bühne sah man einen mysteriösen Kopf, dessen Gesicht, obgleich im Dunkeln kaum wahrnehmbar, eine unerklärbare Belebung erfuhr. Täuschung oder Realität? Noch ehe diesem Geheimnis auf den Grund zu gehen war, regte sich darunter im grellen Scheinwerferlicht auf einer kleinen Sandfläche ein Heuschrecken-artiges Etwas, das wuchs. Zuerst waren es die spindeldürren Finger einer Hand, dann wurden daraus einer, nein zwei Arme mit Händen, ein dünner Körper in einem Seidengewand, der sich mit seinen kralligen Fingern einen Vogelkopf aufsetzte. Sein erster Gang führte zu einem riesigen Buch, das von zwei aus der Erde wachsenden Händen gehalten wurde.
Später gebar ein in einer Litfaßsäulen-großen Tüllröhre hängender Kokon ein kleines kalkweißes nacktes Menschenkind. Wundersame Bilder folgten und sie alle waren realistisch und surrealistisch zugleich. Da turnte der kleine Junge neugierig am Rand einer Tischplatte, oder der Vogelmensch trug den Körper des Knaben majestätisch durch eine Lichtgasse.
Immer war auch die schwarzgekleidete Puppenspielerin sichtbar, doch gleichzeitig verschwand sie hinter der täuschenden Lebendigkeit beider Figuren. Geheimnisvoll wie eine Traumsequenz wirkten auch die Projektionen, die auf den eben noch durchsichtigen Turm aus Tüll, in dem sich der Kokon befunden hatte, ein sich bewegendes Frauengesicht zauberten. Als der Bub, seiner vielen Abenteuer müde, am Schluss ganz sanft auf dem Buchrand einschlief, klatschten die beeindruckten Menschenkinder im Saal minutenlang Beifall.
von Lothar Krone
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„MAZ“, 06.11.2009
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