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Abschied tut weh
Unidram-Festival zu Ende gegangen/Begeisterungsstürme im T-Werk
Ach, ließe sich Unidram doch als Festival abschaffen. Nein, nicht um es zu beerdigen, sondern weil es doch von nun an einfach tagtäglich weitergehen könnte. So aber werden wir leiden und vermissen. Vermissen die schöne Gewohnheit, dem Schwachsinn der Flachbildschirme, die nicht umsonst so heißen, allabendlich fliehen zu können. Vermissen diese Fülle unerwarteter Bilder, die Poesie und Phantasie, mit der man neun Theaterabende verwöhnt wurde.
Es hieß also Abschied nehmen, und dieses Wissen um die Endlichkeit des Festivals trieb am Wochenende das Publikum scharenweise in die Schiffbauergasse. Bereits am Freitagabend rieben sich die Wartenden hautnah, aber geduldig am Einlass zum Theatersaal des T-Werks. Der Grund für diesen Auflauf war der ungemein reizvolle Titel der Inszenierung des französischen Théâtre du Mouvement: „Die Dinge sind wie sie sind, und alles geht so gut es geht“. Beeindruckend wie immer die Geschwindigkeit und Disziplin, mit der das Publikum im restlos ausverkauften Saal die Plätze fand. Was diesem kleinen Wunder folgte, war der Soloauftritt einer Künstlerin, die sich als Darstellerin, Regisseurin und Ideengeberin das Prädikat „große Theaterkunst“ erschuftete. Claire Heggens Auftritt verdiente diesen Superlativ, weil ihre Wandlungsfähigkeit und Originalität im Wortsinne einzigartig waren.
Großartig schon die Ouvertüre, wenn sie in einem viel zu langen Mantel auf der Kiste sitzt und wie ein Napoleon für Arme vergeblich heldisch zu wirken trachtet. Das ist komisch und tragisch zugleich und nur der Einstieg in einen ganze Lawine von Gestaltwechseln, die den riesenhaften Feldherrenmantel als eine immer wieder ins Spiel gebrachte theatralische Behausung umkreisen. Selten wirkte die Abwesenheit von Sprache am Theater so selbstverständlich und gelang ein wortloser, aber trotzdem nicht pantomimisch wirkender Auftritt derartig sprechend. Dabei waren die Bilder, die sie herbei zauberte, von einer Atem beraubenden Skurrilität. Gerade noch hatte sie sich ihres Mantels entledigt, da tauchte der wie eine Statue selbst laufend, ohne Kopf und Arme, wieder auf der Bühne auf und wurde zur wohnlichen Hülle für einen riesigen Vogelkopf. Mysteriös blieb auch der mimische und körperliche Wechsel von Geschlechtsattributen. War die Figur am Anfang ganz deutlich Mann, kippte ihre Rolle später und bekam immer mehr weibliche Züge. Konstant blieb nur das immense tänzerische und gestalterische Vermögen, das mit einem Begeisterungssturm belohnt wurde.
Hochkarätige Theaterkost gab es auch am unwiederbringlich letzten Tag, und dieser Samstag wurde zur „Langen Nacht der Experimente“. Die begann zeitig, als der Schweizer Samuel Stoll im Foyer einen Urschrei ausstieß und wie ein Berserker in einen Schlauch trötete, der als Posaunentrichter endete.
Großer Andrang beim Franzosen Antoine Birots und seinem Forschungslabor für traumhaft Imaginäres. „Die Prophezeiung der Mecas“ mit ihrem Gewirr verspielter Mechanik gebar Bilder und Klänge rätselhafter Schönheit. Rätselhaft, wie sich die Zeit bis zum nächsten Unidram-Festival sinnvoll überbrücken lassen soll.
von Lothar Krone
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„MAZ“, 09.11.2009
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