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THEATER: Bis in die Puppen
Das Festival Unidram erklärt mürrische Bügeleisen und fiese Sägen zu Hauptdarstellern
POTSDAM - Wenn morgen in Potsdam Unidram beginnt, liegt die schwierigste Arbeit bereits hinter den Organisatoren. Die lautet jedes Jahr aufs Neue: Geld besorgen. Stadt und Land unterstützen das renommierte Festival zwar verlässlich. Aber ihre Zuschüsse reichen nur für einen Sockelbetrag, der dann mit Hilfe anderer Fördergremien aufgestockt werden muss. Das war dieses Jahr besonders schwierig, erinnert sich Unidram-Sprecher Jens-Uwe Sprengel. Noch im September wackelte die Finanzierung. Was das T-Werk veranlasste, das Programm um einen Tag zu straffen. Erst kurz vor knapp sprang dann noch der ostdeutsche Sparkassenverband als Förderer in die Bresche. So ist das internationale Festival für visuelles Theater dieses Mal zwar kürzer, aber nicht weniger abwechslungsreich.
Hauptdarsteller vieler Produktionen sind Gegenstände, die erst durch die Kunst der Spieler lebendig werden. Die Formen dieses „kinetischen Theaters“ sind vielfältig. So nutzt die französische Gruppe Le Lario Zahnräder und Pleuelstangen, um die Entstehung des Universums darzustellen („Die Prophezeiung der Mécas“). Tamtam aus den Niederlanden zeigen wiederum, wie sich Welt und Individuum im Laufe der Zeit fremd wurden. Auch hier werden Objekte zu Handelnden: Ein Einsiedler muss sich gegen rücksichtslose Hämmer, fiese Sägen und mürrische Bügeleisen zur Wehr setzen, die ihn aus seinem Haus vertreiben wollen. Ein Stück über die Mechanismen anonymer Macht, voll irischer Tragik und arabischer Melancholie („Survival“).
Weil die „Lange Nacht der Experimente“ in der Vergangenheit so gut ankam, haben die T-Werker dieses Jahr dem kinetischen Theater ebenfalls eine „Lange Nacht“ eingerichtet. Am Dienstag heißt es dann: „Bis in die Puppen.“ Die „Lange Nacht der Experimente“ bleibt erhalten und rückt ans Ende des Festivals.
Los geht’s morgen mit dem wunderbaren Trio Schindelkilliusdutschke und ihrem von Tschechow inspirierten Abend „Zwölf Schwestern“. Keine Neuinterpretation des Klassikers, sondern eine skurrile Familienaufstellung, gespeist von den Jugenderinnerungen der drei Herren, die es zusammen auf zwölf Schwestern bringen.
Noch ein zweites Mal werden die spielfreudigen Dadaisten zu sehen sein. Ihr „Cheerliederabend“ versammelt Liedgut früherer Inszenierungen, wagt den Spagat zwischen Richard Wagner und Michael Jackson.
Selbst einen Zirkus hat Unidram dieses Mal eingeladen. Einen ganz kleinen. In einem Zelt erzählen die Gebrüder Oligor mit altem Spielzeug die Liebesgeschichte von Virginia und Valentino („Die Bedrängnisse der Virginia“). Die Spanier fahren schnurrende Roboter auf, wilde Seilbahnfahrten und Sternschnuppen aus Schwarzpulver, in einer Atmosphäre, deren Intimität kaum zu übertreffen ist.
Und frieren muss auch keiner. „Bei uns sollen sich die Zuschauer in jeder Hinsicht wohlfühlen“, sagt Jens-Uwe Sprengel, der den Zeltplatz einfach in die Schinkelhalle verlegt hat. Na, dann kann man nur noch sagen: Hereinspaziert!
von Jörg Giese
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„MAZ“, 29.10.2009
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